Dienstag, 27. Juni 2017

Was halten Sie von der "Ehe für alle"?

Vor einigen Wochen spülte das Internet mir folgendes Fundstück an den virtuellen Strand:
„Johannes Kram vom Nollendorfblog fragte ... ob Schiewerling "Deutschlands dümmster Bundestagsabgeordneter" sei, der offenbar "Todesangst" vor der Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben habe. Mit Blick auf Regenbogenfamilien, in denen Kinder laut Schiewerlings Antwort diskriminiert werden müssten, erklärte Kram: "Vielleicht hasst er ja einfach nur Kinder."

Schiewerling? Karl Schiewerling? Den kenne ich noch aus meiner Zeit im Diözesanforum des Bistums Münster und im Diözesanpastoralrat als klugen und bedächtigen, um Ausgleich bemühten Mann, der bei Kolping als Diözesansekretär aktiv war. Ich habe seine engagierten und abgewogenen Beiträge in allen Diskussionen immer sehr geschätzt und ihn später einmal zufällig in Dorsten getroffen, als er schon in den Bundestag gewählt worden war. Dieser Mann soll also „Deutschlands dümmster Bundestagsabgeordneter“ sein? Was hatte er wohl verbrochen?

Ich las mich also ein und musste feststellen: Schiewerling (immerhin sozialpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion) hatte grob gesagt die säkulare Fassung der klassisch - katholischen Argumentation zum Thema „Ehe für alle“ vorgetragen und zwar, dass er den Art. 6 des GG so verstehe, dass damit die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gemeint sei. Dass nur aus einer Verbindung zwischen Mann und Frau Kinder geboren werden könnten und dass die Familie die Keimzelle der Gesellschaft sei. Soweit ich mich erinnere, waren das vor noch nicht allzu langer Zeit Positionen, die man mit leichtem Gähnen als „normal“ oder meinetwegen als “CDU-Typisch“ abgehakt hätte. 

Die Art, damit umzugehen und seine Aussagen in einem Beitrag von „queer.de“ ins Skandalöse umzumünzen, hat mich aber doch erschreckt. Zumal er weder dumm noch reaktionär ist, sondern ein fortschrittlicher Sozialpolitiker mit bemerkenswerten Initiativen. In einigen Diskussionforen habe ich die Frage gestellt, was denn skandalös daran sei, wenn jemand zu den Überzeugungen stünde, die auch die hochgeschätzen Väter (und Mütter) des Grundgesetzes ihren Grundgesetzformulierungen zugrunde gelegt hatten? Die Antworten waren leider kaum besser als die Formulierungen des oben zitierten Herrn Kram. Offenbar ist in manchen Kreisen diese Haltung heute schon eine Provokation. Dialog scheint unmöglich! Oder wie es heute bei Twitter hieß: „Gegner der „Ehe für alle“ verdienen keine Höflichkeit“.

Schiewerling hatte u.a. gesagt: „Schon jetzt merken wir die demografischen Folgen einer Entwicklung, die die Kinder nicht mehr als das Deutschland von morgen sieht, sondern nur noch als optionale Addition zur Ehe und im schlimmsten Fall als Hindernis in der Karriereplanung oder als unpassend zum persönlichen Lebensstil“. 

Das mag zwar kritisch sein, aber wer will diese Entwicklung leugnen oder gar gutheißen? Ich persönlich täte mich sogar schwer von Kindern als „Deutschland von morgen“ zu sprechen. Für mich sind Kinder auch eine Berufung und erst mal zweckfrei. Ihr Beitrag zur Zukunft ist ihre Leistung und Geschenk Gottes. Karl Schiewerling ist keineswegs ein in der Wolle gefärbter Konservativer. Neben seinem sozialen Engagement war er in der Vergangenheit auch für überraschende Initiativen gut, z.B. für den Vorstoß eines Wahlrechts von Geburt an. Nichts davon ist im „Nollendorfblog“ zu lesen, ein Medium, das sich damit selbst disqualifiziert. 

Die Schärfe der Auseinandersetzung in dieser Frage, bei einer derzeit zu all diesen Themen doch eher zahmen und zurückhaltenden katholischen Kirche, macht mich immer wieder sprachlos.

Durchaus wohlwollend beobachte ich einen tiefgreifenden Wandel im Umgang der Gesellschaft mit homosexuell veranlagten Menschen, schwulen und lesbischen Paaren. Auch in der Kirche erlebe ich kaum noch Schwierigkeiten im Miteinander. Und erst recht keine „Homophobie“. Und das ist gut so! Damit möchte ich die Schwierigkeiten und Sorgen homosexueller Menschen keineswegs klein reden. Was ich als Fortschritt erlebe, kann für sie immer noch eine schwierige Situation sein. Und es gibt immer wieder Nachrichten über Diskriminierungen und Homophobie z.B. im Sport und anderen Lebensbereichen. 

Aber darum soll es ja hier auch nicht in erster Linie gehen, sondern um die Ehe für alle. 

Als in der vorvergangenen Woche die F.D.P. das Thema ganz oben auf die Agenda setzte und auch die SPD mit Kanzlerkandidat Martin Schulz darin ein bedeutsames Wahlkampfthema entdeckte, hielt ich das zunächst für einen Rohrkrepierer und war überrascht, wie hoch das Thema im Wahlkampf gehängt wurde. Ich weiß auch nicht, welche Strategie dahinter steckte, mag aber nicht recht daran glauben, das es das meistgenannte Thema bei irgendwelchen Wählerbefragungen gewesen ist. Da hätte ich eher auf Kriminalität, Sichere Renten, Flüchtlinge, Europa, Umweltthemen und gerechte Löhne getippt. 

Alles also nur ein politisches Manöver? Doch dann gab Kanzlerin Merkel mit einer ihrer überraschenen Positionierungen der „Ehe für alle“ den entscheidenden Kick, ausgerechnet mit einer wohl eher spontanen Randbemerkung im Rahmen eines Brigitte – Gesprächs. Die SPD nutze ihre Chance um diese Vorlage ins Tor zu bringen. Die ganze Angelegenheit ist politisch hoch interessant.

In Deutschland gab es 2014 etwa 41.000 eingetragene Lebenspartnerschaften. Insgesamt zählte man 87.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Das bedeutet also, dass nicht einmal die Hälfte aller Paare eine solche „Ehe light“ eingegangen sind. Das deckt sich mit dem, was ich von homosexuellen Freunden und Bekannten höre. Nicht jeder will „heiraten“ (das wurde auch bisher schon gesagt), manche lehnen die Lebenspartnerschaften als spießig oder als halbherzig ab. Andere schätzen dagegen die rechtlichen Vorteile. 

Zum Vergleich: in Deutschland lebten im Jahre 2015 insgesamt 2,8 Mio. Paare in einer Lebensgemeinschaft ohne verheiratet zu sein. 8,1 Mio Familien mit Kindern wurden gezählt. Insgesamt sind 17.487.000 Paare verheiratet, Alleinerziehend sind 2.712.000 Väter/Mütter. 

Ich sag mal aus politisch-strategischer Sicht: das war ein preiswertes Projekt mit viel Aufmerksamkeit! Mehr Unterstützung für Alleinerziehende und mehr Kinderbetreuung, Kindergeld, bessere Bildung u.ä.. Das sind dagegen Jahrhundertprojekte. Aber vielleicht hat die schnelle Klärung auch sein Gutes. Vielleicht legen sich jetzt alle ins Zeug und packen die familienpolitischen Baustellen an. Aber dagegen ist das Ehegattensplittig für gleichgeschlechtliche Ehepaare „Peanuts“. 

Aber zurück zu den Lebenspartnerschaften und zur Ehe für alle. In Deutschland fehlte diesen Partnerschaften bislang wenig, die Vermeidung des Ehebegriffs was das Eine, die Möglichkeit, Kinder zu adoptieren (die nicht von einem der Partner in die Lebensgemeinschaft eingebracht wurden) war eingeschränkt. 

Adoptionsrecht und Ehebegriff sollen nun also kommen. Die Juristen streiten noch, wie und ob es ohne Grundgesetzänderung abgeht, aber wir können davon ausgehen, dass sich alle Parteien jetzt auf die Schultern klopfen und froh sind, das Thema schon im Vorwahlkampf abgehakt zu haben. Allein bei der CDU dürfte es wohl noch einige Schmerzen geben. 

Mit Blick auf das staatliche Recht kann der Bundestag natürlich jede Regelung für Paare jeder Regenbogenfarbe beschließen. Das passt auch sehr gut ins Luther-Jahr, wird doch ein Luther Wort damit vollends Wirklichkeit. Für Luther war die Ehe ein „weltlich Ding“.

Ich finde es eigentlich schade, dass die aktuelle Diskussion sehr auf das Stichwort „Diskriminierung“ zugespitzt wird. Auch Angela Merkel hat heute beklagt, dass sie sich eine Diskussion mit „Würde und Tiefe“ gewünscht hätte. Wo immer man heute über das Thema diskutiert bekommt man vorgehalten, man wolle schwule bzw. lesbische Paare „diskriminieren“. Nein, ich finde es richtig und wichtig, Diskriminierung abzubauen. Auch Papst in Bischöfe haben sich deutlich in diese Richtung geäußert. Unter Katholiken ist das Thema sowieso weitgehend durch. Streiter gegen die „Ehe für alle“ erlebe ich nur noch in virtuellen Welten und in kirchenamtlichen Stimmen.  

Für mich persönlich ist die Ehe mehr als ein „weltlich Ding“. Wir sollten nicht vergessen: Die Idee der Ehe ist aus der Religion ins staatliche Recht gerutscht. Bis heute gibt es hier zahlreiche inhaltliche und rechtliche Verbindungslinien zwischen Staat und Kirche. Daher sind sicher die Probleme kirchlicher Kreise (bei etwas gutem Willen) nachvollziehbar, zumal die Entscheidung für die „Ehe für alle“ auch das sogenannte Naturrecht tangiert, auf das sich sowohl das Grundgesetz wie auch das kirchliche Recht und die Theologie beziehen. Das wäre ein durchaus wesentlicher rechtsphilosophischer Diskurs, der hier zu führen wäre. Ich persönlich finde auch die Frage nicht unberechtigt, ob der Ehebegriff nicht auf Dauer soweit gedehnt wird (auch durch eine gewisse Ehezurückhaltung vieler Paare), dass am Ende alle Beziehungen, in denen Menschen füreinander da sind und füreinander einstehen, vom Staat in ähnlicher Weise gefördert werden. Aber vielleicht wäre das auch nur konsequent. 

Für mich als Katholiken ist die Ehe viel mehr, sie ist ein Sakrament, das sich eine Frau und ein Mann spenden. Dazu gehört, dass man sich ein Leben lang Liebe, Achtung und Ehre verspricht, sich in guten und schweren Zeiten aneinander bindet, alles miteinander durchsteht. Und bereit ist, für die Kinder, die Gott diesem Mann und dieser Frau schenken möchte zu sorgen und sie anzunehmen. Das ist für mich schon etwas Großes, etwas Heiliges! Aber dass ich das so empfinde, macht die Liebe zweier Frauen zueinander nicht kleiner. In der katholischen Kirche können ja auch nur Männer geweiht werden. Das macht aber den Beitrag meiner Kolleginnen zur Seelsorge in der Kirche nicht weniger wertvoll. Jedes fünfte Paar bleibt in Deutschland kinderlos, aus ganz verschiedenen Gründen. Aber das nimmt einer Ehe nach katholischer Auffassung nicht ihre Heiligkeit. Kinder sind, um es mit dem Dichter Kahlil Gibran zu sagen: „die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.“ Und leider wird diese Sehnsucht nicht immer erfüllt. 

Auf die Tatsache, dass es demnächst verheiratete gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern geben wird, muss die Kirche eine wirklich angemessene Reaktion entwickeln. Wie gehen wir damit um? Wir sind da doch durchaus auf einem guten Weg, auf dem die Aussagen von Papst Franziskus eine wichtige Richtschnur sind. „Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?“ und wenn er sagt, in der Kirche habe man ihnen mit „Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen“ und sie seien nicht „in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen“ klingt das zwar etwas „kirchisch“, meint aber doch, sie sind nicht anders zu behandeln als jeder andere Mensch auch.

Es kann nicht sinnvoll sein, sich nun als großer Gegner der „Ehe für alle“ zu profilieren. Sicher kann man hier und da den Finger in die Wunde legen und durchaus auch nachfragen, welche Bedeutung das Naturrecht in dieser Frage für den Staat hat und ob es ausreicht die „Ehe für alle“ nur über das BGB zu regeln. Aber auch wir Katholiken sollten nicht so tun, als ob eine Gefahr für die Ehe zwischen Mann und Frau von den gleichgeschlechtlichen Ehen oder gar von Schwulen und Lesben ausginge. Die Ehe kann man nicht gegen etwas oder gegen jemanden stärken, sondern nur mit den Frauen und Männern, die miteinander durch das Leben gehen möchten. Und vermutlich auch mit den Frauen und Frauen und den Männern und Männern, die sich auf das Abenteuer eine Ehe „bis das der Tod sie scheidet“ einlassen wollen. Ihnen allen sollten wir mit Achtung, Mitfühlen und Takt begegnen.

Heute bleibt mir letztlich nur, all jenen zu ihrem politischen Erfolg zu gratulieren, die sich die „Ehe für alle“ ersehnt haben. Und allen Paaren wünsche ich für ihren Lebensweg Treue und Gottes Segen in guten und in schweren Tagen, in Gesundheit und Krankheit.

Die charmanten Worte über Karl Schiewerling kann man hier nachlesen: http://www.queer.de/detail.php?article_id=28932

Die klassischen, katholischen Bedenken sind hier von Kilian Martin sehr gut formuliert:
http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/deutschland-vor-dem-bruch-mit-dem-grundgesetz

"Hallo Herr Gehling, was halten Sie von der Ehe für alle?" Diese Frage erreichte mich aus der Lokalredaktion der Tageszeitung. Meine erste Antwort: "Wie viele Seiten darf ich schreiben?`". 
Das ging natürlich nicht, es war nur wenig Platz. Auch für meinen ersten Textentwurf, den ich um 3/4 eindampfen musste. Da der Dechant schon die kirchliche Position referiert hatte, lautete die Kurzfassung meines Beitrages (den ich hier oben länger ausgearbeitet habe) dann so: "Ich habe einige homosexuelle Freunde und Bekannte. Die sehen das Thema sehr unterschiedlich. Der Bundestag kann natürlich definieren, was der Staat unter Ehe versteht. Mir ist die aktuelle Diskussion zu sehr auf „Diskriminierung“ zugespitzt. Da fallen andere Aspekte unter den Tisch. Für Luther war die Ehe ein „weltlich Ding“. Für mich persönlich ist sie mehr. Sie ist ja aus der Religion ins staatliche Recht gerutscht. Für mich als Katholiken ist die Ehe ein Sakrament, das sich eine Frau und ein Mann spenden. Dazu gehört, dass man in Liebe und Achtung gute und schlechte Zeiten gemeinsam durchsteht, bis zum Tode. Und bereit ist, die Kinder, die Gott schenkt, anzunehmen und für sie zu sorgen. Das ist für mich etwas Heiliges! Dass ich das so empfinde, macht die Liebe zweier Frauen nicht weniger wertvoll. Ich gratuliere denen, die sich die „Ehe für alle“ ersehnt haben. Allen Paaren wünsche ich für ihren Lebensweg Treue und Gottes Segen."

Auf die Reaktionen bin ich gespannt!

Donnerstag, 11. Mai 2017

Mehr Frauen am Altar? Gedanken zum Tag der Diakonin

In diesem Jahr gilt es ein Negativjubiläum zu feiern. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart veröffentlichte dazu einen Videobeitrag: „Vor 20 Jahren startete ein bundesweites Netzwerk katholischer Verbände in Stuttgart einen Kampf. Die Forderung: Auch Frauen sollen im Diakonenamt tätig sein dürfen. Das ist in der katholischen Kirche den Männern vorbehalten - bis heute. Zwar dürfen Frauen diakonische Aufgaben übernehmen. Als Diakoninnen geweiht werden können sie aber nicht.“

Im Kontext dieses Jubiläums wurden zahlreiche drängende und bedauernde Reden gehalten und Beiträge geschrieben. 

Dabei ist das Problem ja eigentlich schon gelöst, denn eine Art von Diakoninnenweihe gibt es schon seit langer Zeit. Nein, nicht in der evangelischen Kirche, die einige Mitarbeiterinnen so bezeichnet, sondern tatsächlich bei uns Katholiken. Allerdings in einem „Reservat“, das gemeinhin nicht für Gesprächigkeit bekannt ist. Vielleicht weiß auch deshalb kaum jemand, dass es in den Kartäuserinnenklöstern eine Art Diakoninnenweihe gibt. Leider sind in der Literatur hierzu wenige Informationen zu finden. Im Grunde handelt es sich hierbei um eine besondere Form der Jungfrauenweihe, die ja inzwischen auch außerhalb von Klöstern wieder neu entdeckt wurde. Für die Feier der Jungfrauenbenediktion kommt der jeweilige Ortsbischof in die Kartause. Zu den äußeren Zeichen dieser nicht sakramentalen Weihe gehörten ursprünglich, (1978 wurde das entsprechende Rituale (Ordo Consecrationis Virginum proprius Monialium Ordinis. Cartusiensis) etwas angepasst) dass der Schwester eine Krone aufgesetzt (den Schleier trug sie ja schon) und ein Ring angesteckt wurde. Dies verweist auf das Hochzeitsbrauchtum und die Trauliturgie, die Schwester ist ja Braut Christi. Zusätzlich wurde ihr ein Kreuz überreicht und die Stola und ein Manipel angelegt. Damit wird der im römischen Pontificale festgelegten Ritus der Jungfrauenweihe nicht unerheblich erweitert und ein gewisser Bezug zur Ordinationsliturgie hergestellt. Das gilt auch schon für die Fassung des Pontificale von 1596. Die Eigentradition der Kartäuser ist allerdings schon weit älter und wurde daher auch nach dem Trienter Konzil bewahrt, vor allem wegen ihrer langen Tradition. Die Stola wurde auch nicht nach Art der Diakone heute quer getragen, sondern so, wie sie auch ein Priester trägt. Kreuz und Manipel fielen in der 1978 reformierten Fassung weg und heute wird nur noch die Stola angelegt und ab und an auch getragen, z.B. bei einigen liturgischen Anlässen, wenn die Schwester beispielsweise bei Abwesenheit eines Priestermönches in der Matutin das Evangelium vorträgt. Natürlich auch am Tag des Profeßjubliäums oder bei der Aufbahrung am Tage ihres Todes. Man kann darin sicher mit einigem Recht Reste eines altkirchlichen Diakoninnenamtes entdecken, die sich allein bei den Kartäusern erhalten haben. Auch wird die Bezeichnung Diakonisse als Synonym für geweihte Jungfrau verwendet. 

Aber dieser kleine Ausflug in die Geschichte eines Ordens, der gerade mal 50 weibliche Mitglieder zählt, dürfte die Freundinnen und Freunde des Frauendiakonates wohl nicht zufrieden stellen. Diese beglückt sicher eher die Nachricht, dass in der Ostkirche das Amt der Diakonin zwar weitgehend ausgestorben, aber dennoch theologisch unbestritten ist. Und kürzlich weihte der orthodoxe Patriarch von Alexandrien, Theodoros II., erstmals in der Neuzeit wieder sechs Frauen zu Diakoninnen. Von ihnen waren drei Ordensschwestern und drei Katechistinnen, ein Umstand, auf den ich später noch eingehen möchte. 

Für einigen Wirbel sorgte vor einigen Monaten auch die spontane Ankündigung von Papst Franziskus, eine Kommission zur "Untersuchung des Diakonats von Frauen“ zur Thematik der altkirchlichen Diakoninnen einzurichten. Als Franziskus sie im Mai 2016 ankündigte, rüttelte er damit für die einen am letzten Tabu in der katholischen Kirche, andere sahen ihren langgehegten Traum von der Frau am Altar in greifbare Nähe gerückt. 

Und das ist in der Tat ein spannender Aspekt. Was sucht der Diakon eigentlich am Altar? Diese Frage beschäftigt mich auch als Laie und Pastoralreferent. Dem Diakon kommt in der Liturgie eine besondere Rolle zu. Vor allem ist ihm die Verkündigung des Evangeliums vorbehalten. Wer z.B. die feierlichen Papstmessen aufmerksam verfolgt, wird feststellen, dass immer ein Diakon das Evangelium vorträgt. Dies ist auch in vielen anderen festlichen Gottesdiensten so, nicht der Priester, nicht der Bischof, nein, dem Diakon kommt diese zentrale Aufgabe zu. Er hat hier den Vorrang vor den höheren Klerikern. Er kann auch die Predigt halten, tut dies aber dann im Auftrag des zelebrierenden Priesters, da idealerweise der Zelebrant auch der Ausleger des Evangeliums sein sollte. Worin ja auch der theologische Kern des Predigtverbotes für Laien liegt.

Zusätzlich nimmt der Diakon die eucharistischen Gaben bei der Gabenbereitung von den Messdienern entgegen und reicht Kelch und Hostienschale dem Zelebranten an. Im Hochgebet selbst kommt er dann noch einmal zu Wort, wenn er die Gemeinde auffordert das „Geheimnis des Glaubens“ zu bekennen und am Ende der Messe, wenn er die Gemeinde aus der gottesdienstlichen Feier entläßt mit dem Ruf: „Gehet hin in Frieden!“. Das ist nicht von ungefähr so, denn der tiefere Sinn der Beteiligung des Diakons, der mit Stola und Dalmatik eigene liturgische Gewänder trägt, ist es, die Bedeutung der Diakonie, der Sorge um die Menschen in Not in die Mitte der sonntäglichen Eucharistie mit hineinzunehmen. Liturgie ist unvollständig ohne Diakonie. 

Die Bibel (Apg 6,1-7) berichtet davon, dass die Apostel für diese Aufgabe, den „Dienst an den Tischen“ sieben Männer beauftragten, damit sie selbst sich stärker dem Gebet und der Verkündigung widmen konnten. Der Diakonat ist also mitnichten ein vornehmlich liturgisches Amt, sondern es dient mit dazu, dass die Priester und Bischöfe frei werden für den Dienst am Wort und für das Gebet. 

Natürlich bietet die Apostelgeschichte keine ausführliche Theologie des Amtes. Diese formte sich erst später aus. Vielleicht lohnt sich einmal ein kurzer Blick in die Zeit vor dem 2. Vaticanum. Damals war der Weg zum Priestertum ein Weg mit sieben Stufen. Auch wenn ich nachfolgend die Vergangenheitsform wähle, gibt es in altrituellen Gemeinschaften wie der Pius- oder Petrusbruderschaft (und übrigens auch in der ev. hochkirchlichen St.-Johannes-Bruderschaft) nach wie vor diese Weihestufen. 

Man unterschied niedere und höhere Weihen. Zur ersten Gruppe gehören die Ostiarier, Lektoren, Exorzisten und Akolythen. Die höheren Weihen begannen mit jener zum Subdiakon; es folgt die Weihe zum Diakon und schließlich die Priesterweihe. Als Sakrament im eigentlichen Sinne galten dabei aber nur Diakonen-, Priester- und Bischofsweihe. 

Mit der ersten Weihestufe zum Ostiarier (Türhüter, Küster) wurde die Obhut über das Kirchengebäude übertragen. Symbolisch berührte man einen Kirchenschlüssel und ergriff das Glockenseil. Mit der zweiten Weihestufe wurde man Lektor (Vorleser) und bekam das Lektionar überreicht. Aufgabe der Lektoren war es, die Lesungen vorzutragen. Die dritte Stufe war die Weihe zum Exorzisten (Beschwörer) womit dem Kleriker die Macht über die bösen Geister gegeben wurde. Das ist allerdings zu unterscheiden von den wirklichen Exorzisten, die vom Bischof eigens bevollmächtigt und erfahrene Priester sein mußten. Als vierte Stufe folgten die Akolythen (Altardiener). Bei der Weihe-Feier berührte der Akolyth das Messkännchen und den Leuchter, er zündete in der Messe die Lichter an und sorgte auch für den Weihrauch. Hier lag auch der tiefere Grund dafür, dass früher nur Jungen Messdiener werden konnten. Es ging schließlich um eine mögliche Stufe auf dem Weg zum Priesteramt, wobei der allgemeine Messdienerdienst in den Gemeinden vom Akolythen natürlich zu unterscheiden ist. Die normalen, jugendlichen Messdiener wurden dazu nicht mit einer Weihe ausgestattet. Die letzte niedere Weihestufe war zunächst noch die zum Subdiakon, wobei diese später als höhere Weihe betrachtet wurde. Sie verpflichtete den Kleriker zur engen Anteilnahme am Opfer und Gebetsleben (Breviergebet) der Kirche und zur lebenslänglichen Ehelosigkeit. Der Subdiakon reichte z.B. beim levitierten Hochamt dem Diakon den geweihten Kelch dar und trug die Epistel (Lesung) vor. Der Bischof legte ihm in der Weihe den Manipel an, das Symbol der Mühe des apostolischen Amtes und er wurde mit einer Tunika bekleidet. 
Bei der Diakonenweihe erhielt der Diakon die Dalmatik, sein Amtsgewand und wurde bevollmächtigt, das Evangelium zu verkünden. Als Nächstes folgte dann die Priesterweihe.

Interessanterweise kennen auch die orthodoxen Kirchen ähnliche Stufen der Weihe, auch mehr und andere als die in der katholischen Kirche heute üblichen. Allgemein ist es dort auch so, dass die Stufen eigenständiger gesehen werden und nicht als Durchgangsstationen auf dem Weg zum Priesteramt. Man kann also koptischer Achidiakon sein oder griechischer Lampadarios (Fackelträger) und dies auch bleiben. In der russischen (und anderen orthodoxen) Kirchen zählt auch der Sakristan zum Klerus.

Ich glaube, dass wir in der katholischen Kirche durchaus daran „leiden“, dass wir diese Gelassenheit der Orthodoxie nicht pflegen, sondern die Weihestufen eher als „Karrierestufen“ und Zwischenschritte betrachtet haben. So war es selbst vor dem 2. Vaticanum ja keineswegs so, dass die Lektoren und Akolythen auch die entsprechenden Dienste in den Pfarreien tatsächlich übernahmen. Dafür gab es entsprechend ausgewählte Gemeindemitglieder. Der Diakonat der angehenden Priester brachte sie zwar für einige Wochen in die Gemeinden, wurde aber doch eher als Gelegenheit zur Einübung ins Priestertum betrachtet. 

Natürlich hat sich das inzwischen geändert. Im Bistum Münster wird der angehende Priester zunächst (als Laie) für ein Gemeindejahr in eine konkrete Pfarrei gesandt, dem schließt sich der Diakonat an, wo der Diakon dann u.a. mit Predigt, Taufe, Trauung und Beerdigungsdienst beauftragt wird, um dann nach der „richtigen“ Weihe alles zu dürfen, was ein Priester darf. 

Die Wiederbelebung des ständigen Diakonats und die zunehmende Zahl solcher Diakone in den Gemeinden stellt jedoch viele neue Fragen, deren konkrete Auflösung in der Regel in der jeweiligen Pfarrei selbst gefunden wird und sehr stark von der Persönlichkeit des Diakons abhängt. So gibt es einzelne Diakone, die sogar klassische klerikale Kleidung tragen (Soutane), andere legen höchsten Wert auf ihr caritatives Dienstamt und wieder andere stehen jeden Sonntag am Altar und gehen voll und ganz in den liturgischen Aufgaben des Diakons auf.

Konkurrenz ist angesichts des Priestermangels in den wachsenden Teams der deutschen Pfarreien ohnehin ein Thema. Es fehlt an einmütig geteilten Vorstellungen davon, was ein Pfarrer, ein Priester, ein Diakon, eine Pastoralreferentin ist und welche Aufgaben sie oder er zu übernehmen hat. So knirscht und kracht es immer wieder. Dass es für die zu leistenden (viel zu vielen) Aufgaben und Dienste in den Gemeinden zu wenige Seelsorgerinnen und Seelsorger gibt, trägt auch nicht unbedingt zur Klärung bei, weil mit pragmatischen Lösungen Lücken gestopft werden. Die Bestellung von hauptamtlichen Laien zu Moderatoren von Seelsorgeteams oder ehrenamtlich Engagierten zu Gemeindeleitern verkompliziert dies zusätzlich. 

Kein Wunder, dass die jeweiligen Personen die „Freiräume“, die die aktuelle Situation ihnen bietet teils mit Freude, teils gedrängt, teils auch notgedrungen ausfüllen. Doch das Heilmittel kann wohl kaum ein einheitlich vordefiniertes Berufsprofil für die Ämter von Priester und Diakon und die Dienste hauptamtlicher Laien sein. Ein bischöflicher Hirtenbrief wird es also nicht richten. 

In diese Übergangssituation fällt nun auch die Frage nach einem Diakonenamt der Frau. Die Aufgaben, die in den bisherigen Weihestufen (vier niederen und einer höheren) gebündelt waren, haben inzwischen Ehrenamtler bzw. hauptberufliche Küster und Musiker übernommen. Im Übrigen Männer wie Frauen, weitgehend gleichberechtigt. Die katechetischen Aufgaben, die früher einmal unverheiratete Religionslehrerinnen, Seelsorgehelferinnen und Priester ausgefüllt hatten werden heute von Gemeindereferenten, Pastoralreferentinnen, Religionslehrern und Katecheten mitgetragen. 

Vom Aufgabenprofil her, geht schon heute der Beruf der Gemeindereferentin weit über das hinaus, was in der alten Kirche die Diakoninnen übernahmen. So könnten von dieser alten Traditionslinie her nur einzelne Impulse für ein heutiges Diakoninnenamt übernommen werden. 

Interessant ist vermutlich ein Blick auf die Motivationslage derer, die sich für bzw. gegen einen Diakonat der Frau engagieren. In der Regel ist der beide Gruppen gleichermaßen trennende wie verbindende Punkt die Frage, ob einer Diakoninnenweihe nicht automatisch die nächsten Schritte der Priester- und Bischofsweihe folgen müssten. Nicht wenige der „Pro“-Aktivisten kalkulieren das ein. Und nicht wenige der „Contra“ - Streiter befürchten das, denn die theologischen Linien laufen doch so, dass bei einer Akzeptanz der sakramentalen Diakoninnenweihe eigentlich kaum noch ein Argument gegen eine Priesterinnenweihe „ziehen“ würde. 

Daraus resultiert aber auch die Sorge, dass selbst bei einem nicht sakramentalen Amt, wie dem einer „Gemeindediakonin“, wie es Erzbischof Zollitsch 2013 vorgeschlagen hat, die Diskussion insgesamt einfach weiter gehen würde. Dass dann am Ende über den Aspekt der Gleichberechtigung weiterhin eine sakramentale Weihe eingefordert würde und der Streit also nur in eine neue Runde ginge. 

Papst Johannes Paul II. hat ja bekanntlich mit hoher Autorität die Möglichkeit einer Priesterweihe für Frauen ausgeschlossen. An diesem Felsen kommt man in der Diskussion wohl nicht vorbei. Nichtsdestotrotz stehen wir als Kirche vor der Frage, wie es gelingen kann, den Frauen in der Kirche einen gleichberechtigten und gleichwertigen Platz und entsprechende Gestaltungsmöglichkeiten zu geben, die denen der Männer in Nichts nachstehen. 

Die gern beschworene Angst vor „Verwirrung“, Diskussionen und Kirchen-Streit halte ich für einen falschen Ratgeber, wenn es darum gehen soll, den Willen Gottes zu erkennen und danach zu handeln.

Es kann doch nicht geleugnet werden, dass durch die ausschließlich Männern vorbehaltene Weihe und die Verknüpfung von zahlreichen Leitungsaufgaben mit den Ämtern der Priester und Pfarrer eine einseitlich männlich dominierte Führungsstruktur in der Kirche entstanden ist und ein überbordendes Aufgabenprofil für den einzelnen Pfarrer. Daher werden einige entschiedene Schritte notwendig sein, das priesterliche Amt von solchen zeitgebundenen Schlacken zu befreien. Das in der Soziallehre der Kirche so bedeutsame Wort der Subsidiarität könnte auch hier hilfreich sein. Die Priester müssen ihren eigentlichen Aufgaben nachkommen können, wozu doch die Apostelgeschichte sehr eindeutig die Richtung vorgibt, damit sie beim Gebet (!!!) und beim Dienst am Wort bleiben können. Sie brauchen Frei-Raum für persönliche Seelsorge und auch für Erholung, Freundschaften u.v.m.. 

Wenn wir in Deutschland das Glück haben, in einer Kirche leben zu dürfen, die es sich leisten kann, Katechisten (als Lehrer, Pastoral- und Gemeindereferentinnen) zu beschäftigen, dann sollte man deren Dienste und Qualifikation mit Freuden einsetzen und nutzen. Andere Kirchen (Diözesen) beneiden uns darum. Die Priester und Gemeinden sollten ihnen einen guten Rahmen für ihre Arbeit ermöglichen. 

Alle Aufgaben, zu denen es keiner Weihe bedarf, könnten je nach Befähigung von haupt- und nebenamtlichen Laien übernommen werden. Nur weil ein Priester der Gemeindeleiter ist, muss er nicht jede Entscheidung von seinem Urteil abhängig machen. Je mehr er delegiert, desto mehr kann er Priester sein. Gute Beratung und Begleitung durch Beauftragte des Bischofs würde sicherlich helfen, evtl. entstehende Reibereien aufzulösen.

Warum entdeckt man die alten „niederen“ Weihen nicht neu, als konsequente Beauftragungen zu Dienstämtern durch den Bischof? Teilweise gibt es ja schon solche Ansätze, aber es ist doch nicht zu Ende gedacht. Messdiener, Küster, Lektoren, Kantoren, Gottesdienstbeauftragte. Und all dies nicht als Durchgangsstationen sondern mit nicht unbedingt zeitlich eng begrenzter Beauftragung. Der Beauftragte muss spüren können, dass er einen eigenständigen Auftrag hat und nicht nur für begrenzte Zeit eine Aufgabe übernimmt. Und dazu das Amt eines religiösen Lehrers/Katechisten/Pastoral- oder Gemeindereferenten. Und all dies nicht als „Stufen“ auf einem Karriereweg sondern als eigenständige Berufungen, die in eine andere Berufung übergehen können – aber nicht müssen. 

Zu den klassischen sakramentalen Weiheämtern zählen dann weiterhin Priester und Diakone. Und da wäre es doch auch denkbar, dass sich ein angehender Priester entscheidet, für fünf Jahre als Diakon in einer Gemeinde zu bleiben, oder überhaupt nicht mehr die Priesterweihe anzustreben und Diakon zu bleiben. Weil er in diesem Dienst am Nächsten aufgeht und seine Berufung gefunden hat. Das stellt dann vermutlich wohl die Frage nach dem Zölibatsversprechen, aber das ließe sich vielleicht neu ordnen. 

Hier wäre sicher zu überlegen, ob der Zölibat notwendig mit dem Diakonat verbunden sein muss (wer unverheiratet zum Diakon geweiht wird gelobt heute im Rahmen der Weihe auch weiterhin unverheiratet zu bleiben, ein verwitweter Diakon darf nicht erneut heiraten.) Das 2. Vat. Konzil hat erste Schritte zu einer genaueren Bestimmung der Beziehung Diakonat / Priesteramt gemacht, hier müßte man, glaube ich, noch ernsthaft weiter denken (Papst Benedikt XVI. hat dies ja mit einer Änderung im Kirchenrecht schon fortgesetzt). 

Und wenn auf diese Weise etwas mehr Ruhe und Struktur in die Seelsorge gekommen ist, dann kann ich mir das Amt einer Diakonin gut vorstellen. Ich bleibe aber skeptisch, ob das ein sakramentales Amt sein muss. Oder ob man sich eigentlich einem nichtsakramentalen Diakoninnenamt verweigern darf. Warum sollte das eigentlich weniger sein als ein sakramental geweihter männlicher Diakon? Papst Franziskus hat doch völlig recht, dass im Karrierestreben mancher Kleriker der Keim der Krise des Priesterberufs steckte. Dass es anders gehen kann, davon ahnen wir etwas, wenn wir uns beispielsweise mit dem Ordensleben beschäftigen. Hier ist doch (im idealen Fall) sichtbar, dass Priester als reiner Dienst möglich ist und auch, dass Frauen höchste Verantwortung übernehmen können. Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass manche Äbtissin in ihrer Machtfülle sich hinter einem Fürstbischof nicht zu verstecken brauchte. Und dies selbst im „finsteren“ Mittelalter. 

Auch hier liegt noch eine wichtige Aufgabe der Läuterung der Kirche und der Läuterung des Einzelnen in der Kirche, sei er auch Laie, Priester, Diakon, sei er Mann oder Frau, Jude oder Grieche, Angestellter oder Selbstständiger... 

In diesem Zusammenhang kann uns auch wieder neu bewußt werden, dass Gott es ist, der zu einem solchen Amt und Dienst beruft. Nicht wir sind die „Herren“ oder „Herrinnen“ der Kirche, sondern Christus selbst. Deshalb gilt es sehr aufmerksam aufeinander und auf Gottes Stimme zu hören. Und nicht gleich Zeter und Mordio zu schreien, nur weil einer eine etwas ausgefallene Idee für die Zukunft der Kirche hat oder seine Meinung vom gängig Katholischen etwas abweicht. Papst Franziskus wiederholt es immer wieder: „Lasst euch nicht von Vorurteilen, Gewohnheiten, von einer eingefahrenen mentalen oder pastoralen Praxis davon abhalten – von diesem vielstrapazierten »das haben wir schon immer so gemacht!“ und sprach über dieses Wort gerade noch in der Morgenmesse in Santa Marta: „Das ist immer so gemacht worden“. Ein Satz, der dem Heiligen Geist Widerstand leistet, sagte der Papst. Gott ist anders: Gott überrascht uns, wir müssen uns seinem Wirken aber öffnen.“

Das Video des Bistums Rottenburg-Stuttgart ist durchaus bemerkenswert: https://www.youtube.com/watch?v=tBwTQnPtv7c

Aus konservativer Sicht beleuchtet die Fragen des Diakonats der Frau sehr umfassend der folgende Artikel von Manfred Hauke: https://de.zenit.org/articles/ein-weibliches-diakonat-einfuehren/


Theologische Quartalschrift, Heft 4/2012 zum Thema: Geschichtliche Gestalten des Diakonats der Frau in der Kirche. Mit Beiträgen von P. Hünermann, H. Becker und A. Franz, G. Macy und U. Hudelmaier. Schwabenverlag. ISSN 0341-1430 B 21 372 Eine kurze Leseprobe hieraus: http://www.schwabenverlag.de/4zeitsch/thq/12_04/Theologische-Quartalschrift-Leseprobe-1-2012-4.pdf

Das Papstzitat aus der Berichterstattung über die Morgenmesse vom 8.5.2017: http://de.radiovaticana.va/news/2017/05/08/fr%C3%BChmesse_%E2%80%9Edas_wurde_immer_so_gemacht%E2%80%9C_ist_ein_killersatz/1310775

Donnerstag, 23. Februar 2017

In dubio (dubia/dubii) pro amore. (Ehegeschichten)

Geschieden – und wieder verheiratet! 
Der Umgang mit Menschen, die nach einer gescheiterten ersten Ehe inzwischen mit einem anderen Partner zusammen leben, beschäftigt die katholische Kirche nun schon seit langer Zeit. Auch in den Bischofssynoden im Vatikan war es ein herausgehobenes Thema. Vor allem durch die sog. Dubia (Zweifel) der vier Kardinäle Burke, Brandmüller, Caffarra und Meisner (mit Kardinal Zen hat sich dieser Tage ein weiterer prominenter Kirchenmann hinter sie gestellt) an der Traditionstreue des Hl. Vaters Franziskus wird das Thema in vielen Diskussionen am Kochen gehalten. 

Es klingt, als sei der obige Begriff etwas, das man klar, juristisch fassen könnte: Ein Mensch, der geschieden-wiederverheiratet ist, hat einmal eine kirchenrechtlich gültige Ehe mit seiner Partnerin/seinem Partner geschlossen und dieser/m ewige Treue versprochen. Diesem Versprechen ist er/sie untreu geworden, durch eine neue (sexuelle) Beziehung mit einem anderen Partner(in). Darin wird ein Bruch der ersten Ehe gesehen (die ja nach katholischer Auffassung unauflöslich ist) und jede weitere sexuelle Begegnung der neuen Partner als weiter Ehebruch. Soweit so klar und eindeutig.

In der Konsequenz, so argumentieren Viele, verdiene jede und jeder geschieden-wiederverheirate Katholik eine einheitliche (gerechte) Behandlung, er sei von den Sakramenten auszuschließen und aus kirchlichen Ämtern und Berufen fern zu halten. Schließlich verdunkle das Leben eines geschieden-wiederverheirateten Menschen die christliche Botschaft. 

Aber ist das auch so? Denn wenn es so wäre, dann müßte der Papst ja in der Lage sein, auf die bohrenden Fragen der Kardinäle zu antworten. 

Der Papst betont in seinem Schreiben über die Freude der Liebe eindeutig, dass die Kirche die Treue zur überlieferten Lehre keineswegs in Frage stellt, betont aber dennoch, dass im konkreten Fall die Gabe der Unterscheidung gefragt sei. Vielleicht ist es ja gar nicht so einfach und eindeutig mit den „wiederverheiratet – geschiedenen“ und deren Lebenswegen. Wer genauer hinschaut, nimmt neben schwarz und weiß ganz viele verschiedene Farb- und Grautöne wahr. 

Mir gingen spontan einige (fiktive) „Fälle“ durch den Kopf, die nachdenklich machen, was der Papst mit seinem Ruf der rechten Unterscheidung der einzelnen Situationen wohl gemeint haben könnte. Ob man mit einer Standartantwort wohl jedem einzelnen Schicksal gerecht wird? Ich glaube, es lohnt sich, mit jedem einzelnen Paar ein Stück des Weges  zu gehen. 

Die Beispiele sind konstruiert – aber nicht weit vom wirklichen Leben weg. Bin gespannt auf Rückmeldungen und Lösungsvorschläge zu den einzelnen Fällen. 

1. Beispiel
Eine junge Frau aus Schlesien ist mit ihrem Partner verlobt. Auf der monatelangen Flucht verliert sie den Rest ihrer Familie aus den Augen und ist mit ihrem Freund unterwegs nach Westen. Über unterschiedliche Stationen landen sie schließlich in einem Lager im Ruhrgebiet. Dort merkt sie, dass sie schwanger ist. Die Beiden heiraten standesamtlich. Schritt für Schritt und über Jahre hin bauen sie mit vielen Schwierigkeiten ein gemeinsames Leben auf. Erst als das einigermaßen gesichert ist, sprechen sie den Pfarrer wegen einer kirchlichen Hochzeit an. Dieser entpuppt sich jedoch als streng und hält zunächst einmal eine gehörige Standpauke wegen des unehelichen Zusammenlebens. Das Gespräch endet in einem heftigen Streit, das Paar wendet sich von der Kirche ab und verzichtet auf eine kirchliche Eheschließung. Nachdem die Kinder aus dem Haus sind, nach der silbernen Hochzeit geht die Ehe in die Brüche. Beide Partner trennen sich und finden jeweils neue Partner. Die Frau heiratet später in er kath. Kirche ihren neuen Mann, getraut werden sie von einem Nachfolger es damaligen Pfarrers. Der Mann lebt mit einer neuen Lebensgefährtin zusammen, sie bleiben unverheiratet. 
Variante: 
Das Gespräch mit dem Pfarrer wäre nicht aus dem Ruder gelaufen, das Paar wäre ordentlich katholisch getraut worden. Eine spätere Eheschließung mit dem neuen Partner wäre nicht möglich gewesen.

2. Beispiel
Denken wir uns ein junges Paar. Sie katholisch, praktizierend. Er, ebenfalls katholisch aber wenig in Glaubensdingen engagiert. Einige Wochen vor der Hochzeit ist er bei Freunden zu Besuch. Das Gespräch kommt auf die Kirche und auf das Eheversprechen. Im Rahmen der Diskussion äußert er sich den Freunden gegenüber, dass er die kirchliche Hochzeit nur seiner Frau zuliebe eingeht. Er halte auch nicht viel vom Treueversprechen. Naürlich sei er seiner Frau grundsätzlich treu, sie müsse von dem ein oder anderen Seitensprung nichts erfahren. Er brauche als Mann schließlich seine Freiheit und so sei es auch bisher schon ab und an passiert. Dennoch liebe er seine Frau. Kinder wolle er eigentlich auch nicht, seine Frau wohl. Aber es wäre ja noch Zeit genug, das miteinander auszuhandeln. Beim Traugespräch sagt er natürlich zu allem Ja und Amen, um der Diskussion mit seiner Frau aus dem Weg zu gehen. Die beiden trauen sich in der katholischen Pfarrkirche. Nach einen dreiviertel Jahr erfährt die Ehefrau von einem Verhältnis ihres Mannes mit einer Arbeitskollegin. Er will dieses Verhältnis nicht beenden und schlägt ihr eine Beziehung zu dritt vor. Sie verläßt die gemeinsame Wohnung und trennt sich von ihm. Die Ehe wird geschieden. 
Variante: 
Das Gespräch des Ehemannes im Freundeskreis hat nie stattgefunden. Die Ehefrau hat nach einem halben Jahr die Pille abgesetzt und ist schwanger, als sie vom Verhältnis ihres Mannes erfährt. Dennoch trennt sie sich, weil der Mann das Verhältnis nicht beenden will und sie zur Abtreibung drängt, weil ein Kind nicht in dieser Situation groß werden soll. 

Im ersten Fall dürfte die Aussicht auf eine Annullierung der Ehe gegeben sein. In der Variante noch lange nicht, da es keine Zeugen aus dem Freundeskreis gibt. Wenn dann der Ehemann nicht über seine Einstellung zur Ehe aussagt dürfte es schwer werden, einen eindeutigen Beweis zu führen, dass er zu einer katholischen Ehe nicht bereit war. 

3. Beispiel
Ein Paar möchte heiraten. Sie katholisch, er ist evangelisch. Weil er in seiner evangelischen Gemeinde aktiv ist und die Kirche sehr passend erscheint, heiratet das Paar nach evangelischem Ritus. Die notwendigen Formalitäten auf katholischer Seite werden nicht erfüllt. Der ev. Pfarrer sieht das entspannt, weil er sowieso meint, dass die katholische Kirche da etwas zu bürokratisch ist. Das Paar ist der Überzeugung, dass ihr Versprechen von Treue auch in der evangelischen Kirche zählt. Die Braut ist katholisch und steht fest zur katholischen Auffassung vom Ehesakrament, sie hält es für unauflöslich und wünscht sich Kinder mit ihrem Mann. In dieser Frage sind sich beide einig. Der lutherische Pfarrer zelebriert eine wunderschöne Feier. Das Paar bekommt zwei Kinder, feiert die silberne Hochzeit mit vielen Freunden, doch als beide Kinder zum Studium aus dem Haus sind, gerät die Ehe in eine Krise. Eines Tages zieht die Ehefrau aus dem gemeinsamen Haus aus, trennt sich und reicht die Scheidung ein. 
Variante: 
Der Ehefrau wird einige Wochen nach der Eheschließung klar, dass sie nach katholischer Auffassung vermutlich gar nicht verheiratet ist und beantragt eine „Sanatio in radice“. 

Im ersten Fall sind die beiden nach katholischem Recht nie verheiratet gewesen. Eine zweite Heirat ist für beide Partner ohne Schwierigkeiten möglich. Im zweiten Fall sieht es für eine Eheanullierung schlecht aus. 

4. Beispiel
Ein Paar heiratet sehr verliebt und recht früh. Natürlich mit allem drum und dran, natürlich auch kirchlich in ihrer Heimatgemeinde. Beide kennen sich aus der katholischen Jugendarbeit. Beide ziehen nach der kirchlichen Hochzeit in eine gemeinsame Wohnung. Doch die Beziehung zeigt sich als nicht tragfähig. Es kommt immer wieder zu Streit und Auseinandersetzungen. Die Spannung steigt. Schließlich verläßt die Ehefrau die gemeinsame Wohnung und zieht wieder zu den Eltern. Das Paar beantragt die Scheidung und im Alter von 23 und 25 Jahren gilt ihre Ehe als geschieden. Beide Partner verlassen die gemeinsame Heimatstadt aus beruflichen Gründen und nach drei oder vier Jahren sind beide Partner zivil mit anderen Partnern wieder verheiratet. Aus beiden Ehen gehen drei bzw. vier Kinder hervor, doch auch diese beiden Partnerschaften gehen nach einigen Jahren in die Brüche. Sie zieht ihre Kinder allein groß, hat die ein oder andere Beziehung zu einem Mann, etwas „Ernstes“ wird daraus nie. Er heiratet – auch der Kinder wegen – ein weiteres Mal, doch auch diese Ehe hält nur 10 Jahre lang, zu den drei Kindern kommt ein weiteres gemeinsames Kind mit der dritten Ehefrau. Während eines Volksfestes in der Heimat begegnen sich beide Partner zum ersten Mal nach fast 20 Jahren wieder. Eine gewisse Zuneigung ist von der ersten Minute an wieder da. Man besucht sich, schreibt sich, begegnet sich immer wieder und entschließt sich zum gemeisamen Leben. Zusammen mit ihren acht Kindern bewohnen die Partner eine große Wohnung nahre ihrer ursprünglichen Heimatstadt. Am 25. Jahrestag ihrer ersten Eheschließung erneuern die Beiden ihr Eheversprechen im Rahmen eines kleinen Wortgottesdienstes in der Gemeindekirche. „Wir waren einfach noch nicht reif genug!“ - ist das gemeinsame Fazit nach all den Irrungen und Brüchen ihrer Lebensgeschichten. Was damals nicht durchgetragen werden konnte kommt spät dann doch noch zur Blüte. 

5. Beispiel
Eine junge, katholische Frau, 22 Jahre verliebt sich in einen 25jährigen Mann, evangelisch. Die Beiden kommen wunderbar miteinander aus, ein Traumpaar. Nach einigen Wochen berichtet er ihr, dass er bereits verheiratet war. Die Beziehung habe aber nicht sehr lange gehalten. Er war mit seiner evangelischen Frau kirchlich verheiratet. Nach einigen Jahren merken die Beiden, dass es wirklich „passt“. Die „Ex-Frau“ taucht nicht wieder aus der Vergangenheit auf, der Kontakt ist vollends zuende gegangen. Anläßlich des Brautgesprächs wird dem Paar mitgeteilt, dass eine kirchliche Trauung möglicherweise nicht stattfinden kann, da die erste, evangelische Ehe gültig sein könnte. Das müsse vor dem kirchlichen Ehegericht geprüft werden. Dazu ist der Ehemann aber nicht bereit, er sei mit dieser Frau verheiratet gewesen, sie hätten sich getrennt und mit Anstand die Beziehung und die Ehe beendet, aber er stehe dazu und sehe nicht ein, was die kath. Kirche in seiner Vergangenheit zu schnüffeln habe. 


6. Beispiel
Als Spätaussiedler kommt ein junges Paar mit zwei Kindern aus Oberschlesien nach Deutschland. Beide hatten in Polen sehr jung geheiratet, mit Blick auf die geplante Übersiedlung nach Deutschland. Das erste Kind kam schnell und wurde noch in Polen getauft, das zweite Kind folgte schon in der neuen Heimat am Niederrhein. In den ersten Jahren führen sie ein sehr bürgerliches Leben, sie Hausfrau, er arbeitet viel, um der Familie einen Aufstieg zu ermöglichen. Ab und an besucht er eine Prostituierte, weil seine Frau als junge Mutter nicht so recht Lust am Sex zeigt. Irgendwann scheint es geschafft, man hat ein kleines Häuschen, ist anerkannt in Nachbarschaft und Gemeinde. Es kann etwas ruhiger angehen. Doch der Mann gerät in falsche Gesellschaft, beginnt Pornofilme zu schauen und konfrontiert seine Frau mit den neu entdeckten sexuellen Begierden. Sie lehnt derlei Dinge ab und verweigert sich ihm. Die Situation spitzt sich zu, seine Frau ist nicht weiter nicht bereit auf seine extremen Wünsche einzugehen und verliert die Lust am ehelichen Verkehr. Er beginnt, seine Gelüste durch Besuche bei Prostituierten auszuleben, das stürzt die Familie zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, die Konflikte nehmen zu. Schließlich eröffnet der Mann seiner Frau, dass er endlich eine andere Frau gefunden habe, die alles mit ihm mache, was er sich wünsche. Die Frau trennt sich nach Jahren der Demütigungen von ihrem Mann, es kommt zu unschönen Auseinandersetzungen und tief gekränkt und verletzt bleibt die Frau allein in einer kleinen Wohnung zurück. Es braucht Jahre, bis sie mit Hilfe von Therapeuten und einem verständnisvollen Pfarrer wieder ins Leben zurückfindet. Die Kinder haben sich im Zuge der Auseinandersetzungen leider von ihren Eltern abgewandt. Im Kirchenchor lernt die Frau nach 10 Jahren Alleinsein einen Witwer aus Oberschlesien kennen. Nach und nach kommen sie einander näher. Sie erfährt sich erstmals in ihrem Leben als Mensch angenommen und geliebt.

Was daraus wird, wissen wir nicht. Aber mögliche Gründe für eine Nichtigkeit der frühen Ehe dürften sich heute wohl kaum noch beweisen lassen.


7. Beispiel
In einer deutschen Großstadt wächst eine junge Frau heran. Sie macht schon als jugendliche erste sexuelle Erfahrungen und betrachtet ihre Beziehungen zu Männern eher als lockere „Lebensabschnittsbeziehungen“. Wenn die „Spannung“ nachlässt trennt sie sich entspannt von einem Partner und beginnt eine spannendere Beziehung. Je älter sie wird, desto unzufriedener ist sie mit solchen Lebensweisen. Als sie einen praktizierenden Katholiken kennen lernt und sich in ihn verliebt, wird ihr langsam klar, dass ihr die wechselseitige Treue doch mehr bedeutet als gedacht. Nach vielen Irrungen und Wirrungen in ihrem Leben entschließt sie sich aus vollem Herzen „JA“ zu ihrem Mann zu sagen, bis dass der Tod sie scheidet.
Variante: 
Die junge Frau wächst in einem katholischen Dorf im Oldenburger Münsterland auf. Ihre streng katholischen Eltern erziehen sie entsprechend. Für das Mädchen ist klar, dass sie sich „aufsparen“ möchte für den Einen. In ihrem Umfeld halten das viele Paare doch sehr anders und ihr Wunsch nach einer festen Liebesbeziehung mit allem drum und dran steigt. Die Folge ist, dass sie ihren langjährigen Jugendfreund (der in diesen Dingen ähnlich erzogen ist) eher früh heiratet. Beide sind 22 und 21 Jahre alt. Am Tag ihrer kirchlichen Hochzeit ziehen sie in eine erste eigene Wohnung. Zunächst widmen sich beide Partner ihrer beruflichen Absicherung. Einige Jahre später zeigt sich, dass die Frau nicht schwanger wird. Der Mann wird durch seine beruflichen Aufgaben in die weite Welt geschickt, was seinen Horizont und seine Vorstellungen vom Leben (und von Partnerschaft) deutlich erweitert, was die Ehe in eine Krise stürzt. Auf deren Höhepunkt trennt sich das Paar. Die junge Frau zieht zunächst ins Elternhaus zurück und verlässt dann aber zwei Jahre später ihren Heimatort (wo ihre Lebensgeschichte sehr interessiert erörtert wird und ihr Ex-Mann inzwischen neu verheiratet ist). In der größeren Stadt, wo sie nun lebt lernt sie einen praktizierenden Katholiken kennen. Fortsetzung dann wie oben.


8. Beispiel
Die junge Frau engagiert sich in der katholischen Jugendarbeit ihrer Gemeinde. Sie ist Obermessdienerin und gestaltet Jugendgottesdienste mit. Dann passiert es: zwischen ihr und dem Kaplan der Gemeinde „funkt“ es. Sie werden ein Paar. Nach einigen Monaten im Verborgenen entschließen sie sich, die Beziehung öffentlich zu machen. Eine gute Entscheidung, denn nur einige Wochen später zeigt sich, dass sie schwanger ist. Nach einem Gespräch mit dem Bischof wird der Kaplan suspendiert. Er findet eine Stelle in der Arbeitsagentur. Sie gibt ihren Beruf als Erzieherin zunächst auf und beide ziehen in einen anderen Ort. Das Paar heiratet standesamtlich. Zunächst läuft alles gut, doch dann zieht der Alltag in das Leben des Paares ein. So zeigt sich im Verlauf der Zeit, dass der Überschwang der Gefühle und der Wunsch, keine Beziehung im Verborgenen zu führen (und die Schwangerschaft der jungen Frau) das Paar vorschnell in ein gemeinsames Leben geführt hat. Die Beziehung erweist sich als nicht tragfähig. Zur Klärung seiner Lebenssituation geht der ehemalige Priester mit Unterstützung seines Bischofs ins Recollectio – Haus der Abtei Münsterschwarzach zurück. Am Ende des Prozesses steht für das Paar die Erkenntnis, dass es nicht füreinander bestimmt ist. In Rücksprache mit seinem Bischof kehrt der suspendierte Priester nach einer längeren „Auszeit“ in den priesterlichen Dienst zurück, zunächst in einer Sonderaufgabe. In der Zwischenzeit wurde die standesamtliche Eheschließung formal geschieden.
Variante: 
Der Ex-Kaplan erhält nach einigen Monaten seine Laiisierungsurkunde. Anders als unter Papst Johannes Paul II. wird das entsprechende Verfahren heute etwas schneller abgeschlossen. Da sich beide Partner als praktizierende Katholiken verstehen, heiraten sie umgehend kirchlich und verbinden diese Feier mit der Taufe ihres ersten Kindes. Als zivil geschiedener (verheirateter) Mann kann der Ex-Priester nicht zurück in den priesterlichen Dienst.

Freitag, 27. Januar 2017

Von zweifelnden Kardinälen und schweigenden Päpsten.

Bischof Lehmann auf dem Katholikentag in Karlsruhe,
die Person halb verdeckt vor ihm
könnte Erzbischof Saier sein.
Als Katholiken müssen wir dem lieben Gott dankbar sein für das Schauspiel, das uns durch die Wahl und Amtseinführung des 45. Präsidenten Amerikas, Donald Trump zur Zeit beschert wird. Denn sonst würden sich die Medien sicher viel mehr mit einer innerkirchlichen Diskussion beschäftigen, die reichlich Stoff bietet, ein Zerrbild der Kirche zu präsentieren, das alle Vorbehalte der „zu Missionierenden“ bestätigt und diese in ihrer Haltung bestärkt, dieser Institution nur nicht zu nahe zu kommen. Kein Wunder, dass alternatives Christentum mit „milder“ Kirchenbindung gerade Konjunktur hat (Freikirchen, Evangelikale, Piusbruderschaft, Gebetshaus Augsburg u.ä.). 

Die Veröffentlichung des päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“ liegt nun ein dreiviertel Jahr zurück. Ich habe mich bisher schwer getan, mir hierzu eine abschließende Meinung zu bilden, die über das Allgemeine hinaus geht, welches z.B. durchaus selbst Kardinal Brandmüllel positiv zu würdigen wußte: „Das streckenweise sehr schöne und spirituell in die Tiefe führende Schreiben "Amoris laetitia" hat entschieden mehr und Bedeutenderes zu bieten als Antworten auf das Randproblem der sogenannten wiederverheirateten Geschiedenen.“ Es ist ein großartiges Schreiben, es bestärkt mich in vielen Punkten in meiner Sicht auf die menschliche Liebe, auf Wert und Bedeutung der Ehe. Es hilft mir, mit barmherzigen Augen und offenem Herzen auf verliebte und tief zerstrittene Paare zuzugehen, ihre Freude aneinander im Herzen zu teilen oder ihren Frust mitzutragen oder gar ihren Hass aufeinander zu mildern. 

Es ist wirklich bedrückend und bezeichnend, dass sich seit Jahrzehnten viele Diskussionen über die kirchliche Wertung und Wertschätzung des menschlichen Liebeslebens und der Formen des Zusammenlebens von Menschen, (unter denen die bewußt gefeierte, gelebte und auch mal durchgestandene sakramentale Ehe ohne Zweifel eine Art strahlender Diamant ist), auf die Frage des Umgangs mit dem Scheitern und den Varianten eines „Neubeginns“ für die Gescheiterten zuspitzte. 

Abschlußgottesdienst des Katholikentages 1992
in Karlsruhe mit Bischof Kasper.
Erstmals theologisch virulent wurde das für mich 1993 im Brief der oberrheinischen Bischöfe Kasper, Saier und Lehmann. Ausgerechnet Walter Kasper, nunmehr Kardinal in Rom, war es aufgegeben, eine erneute Diskussion anzustoßen, die in die Synoden zum Thema Ehe und Familie einmündete. Viel Stoff für die Biografen! Höhepunkt und erster Abschluß dieses neuen Durchdenkens all dieser Fragen ist nun das päpstliche Schreiben Amoris laetia. 

Trüffelschweinen gleich, stürzten sich Journalisten und Theologen auf den Text. Aber gleich geschulten Lektoren machten sie sich stärker daran, „Fehler“ und „Aufreger“ aufzuspüren, denn das Schreiben in seiner Vielfalt zu würdigen und literarische und theologische Höhepunkte hervorzuheben. Der Kernfehler (bzw. der eigentliche Fortschritt) verbarg sich für diese „Trüffelschweine“ der schreibenden und theologisch und kirchenpolitisch denkenden Zunft ausgerechnet in einer „Fußnote“ zu Fragen der Seelsorge mit Christen, die nach einer ersten Ehe neu geheiratet haben. Ich will den Text hier einmal zitieren: 

„In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein. Deshalb » erinnere ich [die Priester] daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn « ... Gleichermaßen betone ich, dass die Eucharistie » nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen « ist ...“

Spätestens, seit vier Kardinäle der Kirche dem Papst ein besonderes Schreiben zukommen ließen und dieses dann nach einigen Wochen veröffentlichten, richtet sich (zum Glück noch eher innerkirchlich) alle Aufmerksamkeit auf diese Fußnote. 

In dem Schreiben wird der Papst aufgefordert, den vier hochrangigen Fragestellern klar und eindeutig Auskunft zu geben, auf fünf Fragen. Um eine Antwort in Fußnoten zu vermeiden, drücken die Kardinäle auch gleich aus, was für eine Antwort sie erwarten, nämlich ein „JA“ oder ein „NEIN“. Natürlich erinnert sich jeder Katholik da sofort an Jesu Wort: „Euer Ja sei ein Ja...“ und an die knappen Glaubenssätze der alten Konzilien. Im Grunde kann man als lehramtstreuer Katholik, auch angesichts der in dem Brief geschilderten Hintergründe, nur eine einzige, nämlich die von den Autoren implizierte Antwort geben. Da alles in ausgesprochen demutsvolle Worte eingebettet ist, kommt kaum jemand auf die Idee zu fragen, wie höflich ein solches Schreiben ist, das eine ganz bestimmte Antwort erzwingen möchte und zudem noch eine Art Zwickmühle öffnet. 

Ich erinnerte mich an ein eher privates Gespräch mit meinem Bischof Reinhard Lettmann, wo er berichtete, wie viele Briefe er mit kritischen oder anregendem Inhalt zu beantworten habe. Es seien aber auch Briefe darunter, auf die er notieren würde: „In Stil und Inhalt für eine Antwort ungeeignet“. Just konservativste Internetforen bezeichneten die sogenannten „Dubia“ der vier Kardinäle denn auch konsequenterweise  als „Frontalangriff“ auf Papst Franziskus. Andere bemühten sich, neutraler zu kommentieren, der Brief und die Fragen selbst hätten ihre Berechtigung, nur die Tatsache, dass dieser Brief veröffentlicht worden sei stelle sich als problematisch dar. 

Ich habe mir den Brief der vier Kardinäle mehrfach durchgelesen. Anders als man denkt, ist der Brief ja nicht ähnlich knapp gehalten, wie die erwünschte Antwort. Sie erklären, rechtfertigen und begründen vielfach die eigenen Zweifel an den päpstlichen Worten.

Ich habe mir auch die Frage gestellt, wie ich die fünf Fragen beantwortet hätte, unter der Vorgabe Ja/Nein. Ich will es mal kurz versuchen hier: 

Zu 1: Ja
Zu 2: Ja
Zu 3: Ja
Zu 4: Ja
Zu 5: Ja

Aus der Rolle des Papstes heraus hätte ich noch hinzugefügt. "Liebe Mitbrüder! Ich danke euch für eure Sorge um die Lehre der Kirche und über die Verunsicherungen unter manchen gläubigen Christen, selbst solcher im Kardinals-, Bischofs- und Priesteramt. Vermutlich werden Sie sagen, mein fünffaches Ja auf Ihre Fragen passt nicht zusammen, wenn man die letzten vier Fragen mit Ja beantwortet erzwinge dies bei der ersten Fragen ein Nein. Und dann komme ich in die Situation, meine Antwort erklären zu müssen und hinzuzufügen, dass sich dieses Ja auf einige sehr spezielle Situationen bezieht, in denen ich das sehr wohl für möglich halte.

Als Papst habe ich ein hohes Vertrauen in die tiefe theologische Bildung aller Menschen, die in der Kirche einen Dienst und ein Amt ausfüllen. Ich glaube, dass sie eine lebendige Verbindung zum Herrn leben, dass sie viel beten und den einfachen Gläubigen mit der Barmherzigkeit und Sorge des guten Hirten zur Seite stehen. Ich traue ihnen zu, die Vielfalt und Unterschiedlichkeit des menschlichen Lebens zu sehen und sie aus dem Evangelium und der lebendigen Tradition der Kirche heraus zu deuten. Sie kennen das doch alle auch in anderen Kontexten des menschlichen Lebens, wenn Sie als Beichtväter angefragt sind. So kann es Situationen geben, in denen die Spendung des Beichtsakraments hilfreich und erlaubt erscheint, die man allerdings nicht in konkrete Kriterien oder gar rechtliche Regeln fassen kann. Ich bin sicher, dass Sie selbst aus Ihrem seelsorglichen Wirken solche Fälle kennen. Hier die notwendigen Unterscheidungen zu treffen, traue ich insbesondere Ihnen als Kardinälen unserer heiligen und apostolischen Kirche ohne Sorge um die Heiligkeit der Ehe und die Unversehrtheit der kirchlichen Lehre ohne Weiteres zu.“

Die von vielen Seiten postulierte „Verwirrung und Verunsicherung“ auf allen Ebenen der Kirche und der „Unruhe“ unter den Gläubigen ist nach meiner Wahrnehmung keinesfalls groß. Selbst die kirchenkritische Presse hat Amoris laetitia eher als Rückschritt denn als Fortschritt in der kirchlichen Lehre gewertet, zahlreiche Kirchenkritiker haben ihre Enttäuschung ausgedrückt, dass eine zweite kirchliche Eheschließung nach dem Vorbild der apostolischen orthodoxen Kirchen nicht ermöglicht wurde. 

Wie geht es nun weiter? Insbesondere Leo Kardinal Burke hat in einigen Interviews bereits ein Menetekel an die Wand gemalt. Eine päpstliche Antwort auf die kardinalen Zweifel sei unabwendbar. Gäbe es diese nicht, müsse man den Hl. Vater brüderlich zurechtweisen und es gäbe ja nicht nur die vier Zweifelsträger sondern neben ihnen noch weitere Kardinäle und Bischöfe. Einige von diesen haben sich ja durchaus schon geoutet, während andere teils mit erstaunlich harschen Worten dem Vorgehen der vier Kardinäle widersprochen haben. Aktuell entfachen drei Bischöfe Kasachstans einen Gebetssturm „für“ Papst Franziskus.

Während Kardinal Burke offenbar eher auf Öffentlichkeit und eine Eskalationsspirale setzt, versucht Kardinal Brandmüller die Aufregung zu bremsen und Kardinal Cafarra der Diskussion theologische Tiefe zu geben. Und einer, dem ich mich besonders nahe empfinde, der schweigt! Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Wie auch immer man zu diesem Streit steht, er sollte anders geführt werden.  

Mich macht diese Situation unglücklich. Aus vielerlei Gründen, auch weil eine innerkirchliche Konfrontation damit befeuert wird, die nach außen hin einen verheerenden Eindruck hinterläßt. Zumindest bei den (noch eher wenigen) Beobachtern, die sie zur Zeit wahrnehmen. Der Aufruf Jesu, dass wir eins sein sollen, verhallt ungehört selbst im heiligen Raum der Kirche. Ja, das Evangelium und die weiteren Schriften der frühen Kirche zeigen uns, dass Christen schon immer gestritten haben wie die Kesselflicker! Ja, gestritten wie die Kesselflicker, aber nicht wie Leute, die keine Hoffnung haben. 

Wo, wenn nicht bei uns könnte die Welt lernen, dass man in der Sache streiten kann und dennoch dabei konstatieren muss: „seht wie sie einander lieben“. Das fällt angesichts der aktuellen Ereignisse rund um die ersten Dreihunderternummern von Amoris Laetitia selbst mir schwer, der sich um eine tiefe Loyalität zur ganzen Kirche bemüht. 

Die Wortmeldung von Kardinal Caffarra (und anderen) zielte aktuell vor allem darauf ab, dass eine Zulassung zur Eucharistie für geschiedene und wiederverheiratete Katholiken ja möglich sei, aber nur, wenn sie sich zu einer Ehe ohne gelebte Sexualität verpflichteten. 

Ich weiß sehr wohl, was hinter der Idee einer Josefsehe steht. Aber nach wie vor steht für mich noch aus, dass konservative Theologen, Bischöfe und Kardinäle einmal einem normalen Ehepaar konkret und lebensnah erklären, warum der Verzicht auf Sex einen Ehebruch auf einmal verzeihlich macht. Bei aller Hochachtung vor der Formulierungskunst der Moraltheologen: führen Sie doch mal am Sonntag auf dem Kirchplatz ein Gespräch mit einem Paar über die Aussage, dass es „unter bestimmten Bedingungen in legitimer Weise Akte sexueller Intimität vollziehen“ dürfe. Wenn ich meine Familie verlasse und meiner Frau die vier Kinder zur weiteren Versorgung und Erziehung überlasse und eine Freundin heirate, mit der ich meinetwegen aus einer unehelichen Beziehung ein weiteres Kind habe, dann in einem Gespräch mit dem Beichtvater eine Josefsehe verspreche … dann darf ich Christus in der Eucharistie empfangen. Sollte ich ab und an mal schwach werden auf dem Weg könnte im Einzelnen ja mal ein Geschlechtsverkehr gebeichtet werden, oder? Der Austausch von Körperflüssigkeiten kann doch heute nicht mehr das Kriterium dafür sein, ob ein solcher Mensch zum Mahl des Herrn geladen ist.

Bevor jemand jetzt denkt, ich möchte alle Türen öffnen. Nein, ich bin da ganz bei Papst Franziskus, der von gewissen Fällen geschrieben hat. Ich interpretiere das, auch vor dem Hintergrund meiner seelsorglichen Erfahrungen wirklich als Lösung für Einzelfälle, insbesondere solche, in denen begründete Zweifel an der Gültigkeit einer ersten Ehe sich kirchengerichtlich nicht klären lassen. Ich glaube zudem, dass es Paare gibt, für die das Prinzip der Josefsehe „passt“ und achte jeden, der dies für sein Leben umsetzen kann. 

Soweit ich das wahrgenommen habe, hat die Sicht der Kirche auf die menschliche Sexualität seit den Zeiten des Apostels Paulus eine gewaltige Entwicklung hinter sich. Neben Anderen ist hier sicher der Hl. Papst Johannes Paul II. zu nennen. Sexualität ist weit mehr als der „eheliche Akt“, den man ausschließlich dann anzustreben habe, wenn die Zeugung eines Kindes angestrebt sei. Von dieser sehr einseitigen Verengung hat sich die katholische Theologie Gott sei Dank befreit, ohne in das Loblied einer von allen Regeln befreiten Sexualität einzustimmen, die in unserer heutigen Gesellschaft eine mächtige Leitidee darstellt. Dass es zu einer derartigen Vergötzung von Sexualität kommen konnte, dass heute sexuelle Beziehungen vom frühen Jugendalter an eine Selbstverständlichkeit darstellen, dass Prostitution, Pornografie und Untreue den Status von Kavaliersdelikten oder gar als normale Wirtschaftszweige und Ausdruck einer freien, ungebundenen Ehekultur gefeiert werden, hat nicht nur mit der Pille und der sexuellen Revolution zu tun, sondern auch mit dem Versagen der Kirche, ihre Lehre über die Sexualität, die Ehe und Familie jenseits enger gesetzlich – moraltheologischer Setzungen zu erklären, zu vermitteln und zu verkündigen. 

Hier hat sich – wir müssen es ehrlich eingestehen – eine kleinliche Gesetzlichkeit eingeschlichen, eine Regelungswut, die weit über die biblischen Jesusworte hinausgeht. Eingedenk der Tatsache, dass Jesus in diesen Fragen ausgesprochen klar spricht und die barmherzige Zuwendung zu den Sünderinnen und Sündern immer mit der Aufforderung: „Sündige in Zukunft nicht mehr...“ verbindet, hat Jesus sich trotzdem von Sünderinnen salben und von einer in Sünde lebenden Frau Wasser reichen lassen. Er hat mit Zöllnern und Sündern zu Tisch gesessen und deren Leben geteilt. Ein Seelsorger, der dies heute tut, der wird spüren, ob er einem Menschen zusprechen kann: „Deine Sünden sind Dir vergeben.“ Und sollte ein solcher Mensch dann zur Kommunion gehen und von sich sagen können: „Ich bin ein Sünder, den Gott angeschaut hat!“, könnte das nicht dann gut und richtig sein? Und ist eine in diesem Wort ausgedrückte Lebenshaltung nicht angemessener für eine Begegnung mit Christus in der Eucharistie als die Selbstverständlichkeit, mit der viele Katholiken heute den Leib des Herrn empfangen. 

Der Unterschied, ob jemand in einer Hl. Messe „geistlich“ oder „physisch“ kommuniziert … darf nicht überbetont werden. Hier kommt mir der Dialog Jesu in den Sinn, der die Gebote auf ihren Kern zurückführt. Durchaus so, dass es zu Verschärfungen kommen kann. „Wer eine Frau nur lüstern ansieht...“ Doch da geht es ihm nicht darum, jeden lüsternen Blick durch entsprechende Instanzen bestrafen zu lassen, sondern klar zu machen, dass es für den Einzelnen darum geht, dem inneren Anspruch eines Gebotes zu folgen. Und der Ehebruch beginnt in der Regel weit vor dem Moment, wo die Pharisäer eine „beim Ehebruch ertappte Frau“ auf den Dorfplatz schleifen können.

Ich lerne daraus, dass die Vielfalt der Lebensgeschichten sich nicht immer über den Leisten der Moraltheologie oder des Kirchenrechts biegen lassen. Im Fall der biblischen Ehebrecherin läge diese dann möglicherweise zu Recht verurteilt und gesteinigt auf dem Dorfplatz und ginge vermutlich nicht die ersten, tastenden Schritte in ein neues Leben. 

Vielleicht sollten wir den Streit an dieser Stelle wirklich einmal begraben und an einem anderen Punkt neu in die Lektüre von Amoris laetitia eintreten. Da lesen wir nämlich, unmittelbar nach den den viel diskutierten Abschnitten 301 – 306: 


„Um jegliche fehlgeleitete Interpretation zu vermeiden, erinnere ich daran, dass die Kirche in keiner Weise darauf verzichten darf, das vollkommene Ideal der Ehe, den Plan Gottes in seiner ganzen Größe vorzulegen: » Die jungen Getauften sollen ermutigt werden, nicht zu zaudern angesichts des Reichtums, den das Ehesakrament ihrem Vorhaben von Liebe schenkt, gestärkt vom Beistand der Gnade Christi und der Möglichkeit, ganz am Leben der Kirche teilzunehmen. «[354] Lauheit, jegliche Form von Relativismus oder übertriebener Respekt im Augenblick des Vorlegens wären ein Mangel an Treue gegenüber dem Evangelium und auch ein Mangel an Liebe der Kirche zu den jungen Menschen selbst. Außergewöhnliche Situationen zu verstehen bedeutet niemals, das Licht des vollkommeneren Ideals zu verdunkeln, und auch nicht, weniger anzuempfehlen als das, was Jesus dem Menschen anbietet. Wichtiger als eine Seelsorge für die Gescheiterten ist heute das pastorale Bemühen, die Ehen zu festigen und so den Brüchen zuvorzukommen.“ (Abschnitt 307) 

Ich würde mir wünschen, dass dies der Weg der Kirche ist, dass dies die Botschaft ist, die (nicht nur) von vier zweifelnden Kardinälen in die Welt hinaus getragen wird. Und dass die ein oder andere pastorale Feinheit von Bischöfen und Kardinälen in einer Weise geklärt wird, die einer Verkündigung der frohen Botschaft nicht im Wege steht. Ich gehe davon aus, dass das Schweigen des Papstes auf die „Dubia“ nicht das letzte Wort bleibt. 

Es fehlt dem apostolischen Schreiben des Papstes doch wahrhaftig nicht an Klarheit und es zeigt einen Weg auf, den die Kirche gehen müßte, einen mühevollen Weg, wo auch ich mich häufig frage, ob sie noch die Kraft dazu hat. Wer soll das alles leisten, was dem Papst da vorschwebt, wo es uns heute nicht einmal gelingt die vielen Paare, die getrennte oder neue Wege gehen annähernd angemessen zu begleiten oder überhaupt mit unserem Anspruch und unserem seelsorglichen Angebot zu erreichen. 

Nein, die Diskussion birgt nicht das Potential eines Schismas, auch wenn offensichtlich damit mancherlei unerquicklicher Streit und manche erstaunliche Aktion verbunden ist. Das Schisma-Gerede ist unverantwortlicher Alarmismus. Die Lehre der Kirche ist nicht in Gefahr. Ja, der Streit bringt Menschen auseinander, es tun sich Risse auf innerhalb der Kirche. Die könnten sogar dazu führen, dass Gruppen von der Kirche wegbrechen, so wie es einst die Piusbrüder taten, die zur Zeit ja ebenfalls weitergehende Schismen erleben. Solche Brüche aber zu heilen, das ist unser Job! Die Risse zu schließen mit Wahrheit, Barmherzigkeit, Gebet ist angesichts des drängenden Aufrufs Jesu Christi zu Einheit und Liebe bleibende Aufgabe. Und die stellt sich zunächst für Papst Franziskus, für Kardinal Kasper und für Kardinal Burke aber auch für mich und Dich.

Montag, 19. Dezember 2016

Er ist auf dem Weg! Er sucht Herberge! Bei Dir!

Es ist nur ein kleiner Nebensatz, aber er hat die Phantasie vieler Generationen angeregt und beflügelt. Kein Krippenspiel kommt ohne eine möglichst dramatische Herbergssuche aus. Maria spürt schon, dass der Moment der Geburt naht. Josef wird zunehmend unruhig, weil er weiß, dass die Zeit verrinnt. (Dieser Beitrag ist Teil des Blogoezese - Adventskalenders 2016.)

Wohl kaum eine Weihnachtspredigt kommt in diesen Zeiten ohne Hinweis auf all diejenigen aus, die in dieser weihnachtlichen Stunde obdachlos und unbehaust durch die Welt wandern. 

In unserer Gemeinde senden wir seit einigen Jahren zu Beginn des Advent eine geschnitzte Figur der Hl. Maria aus, die nach dem Vorbild des Gnadenbildes vom Bogenberg in Bayern gestaltet ist. Maria ist erkennbar schwanger, "guter Hoffnung". Gleichzeitig geht auch Josef auf die Reise, wird von Haus zu Haus weiter gegeben und begegnet in manchen Häusern auch mal seiner Verlobten. Ein Gästebuch (oder besser Gastgeberbuch) begleitet die beiden mit Gebetsgedanken und Freiraum für eigene Notizen. Es ist ungemein berührend, was von den Gastgebern dort niedergeschrieben wird. So wird das Buch von Jahr zu Jahr gehaltvoller. 

Die Herbergssuche geht zu Herzen! Dabei haben wir im Grunde kein historisch belastbares Wissen über die Geburt Jesu. Manche Exegeten bestreiten gar den kompletten Bericht des Lukas. 

Mangels historischer Sicherheit, kann man als Glaubender mit Fug und Recht dennoch den Weg gehen, die Geburtsgeschichte des Lukas einfach für wahr zu nehmen. Für wahr zu nehmen, jedoch auf einer anderen Ebene als die der historischen Wahrheit allein. Mancher reibt sich daran, dass die Evangelien die Geburtsgeschichte sehr unterschiedlich erzählen. Dabei wäre es wichtig zu sehen, dass Lukas in seinem Bericht mehr will, als eine Story zu erzählen. Er vernetzt den Anfang seines Evangeliums auf vielfache Weise mit den Texten des ersten Bundes. Seine ersten Leser haben diese vielschichtigen Anspielungen vermutlich leichter verstanden haben als wir Heutigen. 

Lukas trifft mit seinem Halbsatz von der Herbergssuche sicher nicht zufällig genau den Sinn der poetisch und theologisch höher fliegenden Worte des Johannes: "Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf..." Kann man das eigentlich schöner darstellen als in der gespielten und mitempfundenen Herbergssuche?

Allen historischen Kritikern der Weihnachtsgeschichte sei empfohlen, einmal darüber nachzudenken, dass unsere Vorstellung von der Geburt Jesu sowieso wohl stärker von unseren inneren Bildern, von weihnachtlichen Weisen, adventlichen Liedern und Bildern der Kunst geprägt ist als von einer ganz realistischen Vorstellung des Lebens und Reisens im historischen Israel. 

Wohl noch nie habe ich eine Krippe gesehen, die sich realistisch an der Lebensweise der Zeitgenossen Jesu orientierte, nämlich an einer Zeit, wo die Ställe unmittelbar an den Wohnraum eines Hauses angebaut waren und sich keineswegs in idyllischer Alleinlage in einsamer Landschaft befanden.

Es ist so, der historische Kern der Weihnachtsgeschichte wird vielfach von Bildern und Vorstellungen überlagert. Und ich glaube inzwischen: das ist auch gut so. Die Wirklichkeit der Weihnacht ist nicht mit der Lupe zu ergründen. Es braucht wohl einen vielschichtigen Zugang, damit sich die Botschaft der Menschwerdung für Herz, Sinn und Verstand erschließt. 

In diesem Sinne müßte man eine westfälische Weihnachtskrippe parallel zu einer orientalischen Krippe betrachten und dazu auch noch eine solche in den Blick nehmen, die in einem afrikanischen Dorf steht. Und unerläßlich ist, dazu die Worte der Evangelien hören und zu verkosten in ihrer ganzen Fülle... 

Da geht es um eine Wahrheit, die sich manchmal in rätselhaften Worten verhüllt. Sehr schön drückt das Angelus Silesius in einigen Versen aus, die praktischerweise sogar auf Weihnachten Bezug nehmen: 

"Halt an, wo läufst du hin - der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo. Du fehlts ihn für und für. Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren."

Auch dieser poetische Text taugt nicht zum "wörtlich nehmen" doch steckt eine Wahrheit darin, die zu Herzen geht. Wie im Bericht von der Herbergssuche auch. 

Im Krippenspiel ist das Symbol der Herbergssuche die Tür. Auf der einen Seite dieser Tür steht jemand, der sein Zuhause, seine sichere Herberge verteidigt. Er ist beschäftigt mit allem Möglichen, mit Vermietung und Versorgung, mit Ruhe und Ordnung, mit Geld zählen und damit, die Geschäfte der nächten Tage zu planen. 

Und vor der Tür stehen Maria und Josef. Auch sie suchen sichere Herberge, suchen Wärme, Liebe, Hilfe, Annahme. Und die suchen sie mehr für ihren Sohn als für sich selbst. Doch sie dürfen die Schwelle nicht überschreiten. Die sichere Herberge des Einen zwingt sie in die Unwirtlichkeit der Nacht, ohne Ob-Dach. Der Stall, den sie schließlich finden – dieser Stall hatte keine Tür, die man sicher verschließen konnte. Er blieb - gastfrei offen - sogar für die Hirten auf dem Felde. 

Doch wesentlicher als die Frage, wo nun genau der Stall stand, wie er aussah und welche Tiere und Menschen ihn bevölkerten, viel wesentlicher ist die Frage, ob wir bereit sind, unser Herz dem Herrn der Welt zu öffnen. Ob wir bereit sind ihn einzulassen und seinen Ruf zu hören: "Folge mir nach...."

Ich vermute, dass der Halbsatz, mit dem Lukas die Herbergssuche beschreibt, bedeutsame Folgen in der Geschichte des Christentums hatte. Gastfreundschaft hat einen hohen Stellenwert im Christentum bekommen, selbst dann, wenn wir Gäste aufnehmen, die sich möglicherweise der Gastfreundschaft nicht wert erweisen. Bei unserer Herbergssuche mit den Figuren der Gottesmutter und ihres Bräutigams machen wir übrigens die interessante und wohl auch lebensnahe Erfahrung, dass Maria gut unterkommt. Josef holt man sich weniger gern ins Haus... Dennoch ruft der Verfasser des Hebräerbriefes den Gläubigen zu: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt." 

Der Hl. Benedikt weiß in seiner Regel um die Bedeutung der Gastfreundschaft: "Vor allem bei der Aufnahme von Armen und Fremden zeige man Eifer und Sorge, denn besonders in ihnen wird Christus aufgenommen. Das Auftreten der Reichen verschafft sich ja von selbst Beachtung." 

Advent, Weihnachten, das ist für uns Westeuropäer etwas fürs "Gemüt". Vielleicht inzwischen sogar schon so sehr für Gemüt, das in all der Lichter und Glühweinseligkeit zugedeckt wird, was für ein Licht dort in eine dunkle Welt kommt. Es ist ein Licht, wie es wohl niemand erwartet hatte. Der neu geborene König macht sich klein. Gott erscheint auf Augenhöhe, mehr noch, er streckt uns die Arme - um Nahrung, Wärme, Liebe bettelnd - entgegen und schließt so erst recht unser Herz auf. 

Wenn Maria und Josef an unsere Tür klopfen, dann stellt mir das die Frage: "Bist Du wirklich bereit den Herrn zu empfangen? Erwartest Du ihn mit ganzem Herzen? Bist Du wachsam, öffenest Du die Tür für den Herrn, wenn er kommt..."

Es ist leider so, heute bleiben viele Türen und Herzen fest verschlossen. Jesus, die menschgewordene Liebe Gottes, als kleines, schutzloses, abgewiesenes Kind: Nicht gewollt! Nicht erwünscht! Nicht aufgenommen. So ist es geschehen und so ist es Realität bis auf den heutigen Tag.  

Wir sind alle sehr uns selbst beschäftigt. Damals wie heute ist in unserer Welt kein Platz für einen allmächtigen Gott, und noch weniger, wenn dieser so ohnmächtig, so armselig, so schutzlos und ohne Glanz und Gloria in diese Welt kommt. 

Und weil wir ihm keinen Raum geben, ihm, dem Heiland der Welt, sind wir auch in der Gefahr, uns selbst zu Gott aufzuspielen und alle Grenzen zu vergessen. Jeder Blick in die Zeitungen zeigt es, wir Menschen wollen das Leben in die Hand nehmen und schießen so oft über jegliches Maß hinaus. Plötzlich sinkt der Wert des menschlichen Lebens und wir nehmen Maß, entscheiden, wer wert ist in unserem Land auf die Welt zu kommen, wer es wert ist, in unserem kostbaren Land leben zu dürfen, welches Leben noch lebenswert ist. Wo immer wir nicht mehr Maß nehmen am Wert des menschlichen Lebens (selbst Mensch zu werden, das war Gott nicht zu gering), da übernehmen unmenschliche Faktoren die Macht, da regiert das Geld, der Markt, der starke Mann, die weiße Rasse, die Gewalt der Waffen und die brutale Hand des Stärkeren. 

Es ist leider so: Jesus, die menschgewordene Liebe Gottes, als kleines, schutzloses, abgewiesenes
Kind: Nicht gewollt! Nicht erwünscht! Nicht aufgenommen!
So stand und steht es mit unserer Welt. Das sieht Johannes ganz klar und blickt dabei über das Holz der Krippe hinaus schon bis zum Holz des Kreuzes: Für den Sohn Gottes war und ist kein Raum in der Herberge.

Gott kommt in die Welt und gibt allem Maß und Mitte. Weihnachten ist viel mehr als heile Familie, Gemüt und Gefühl, Lichterglanz, Geschenke und Glühweinseligkeit. Wir dürfen nicht am Kind in der Krippe - an Jesus - vorbei feiern. Ohne das Kind, ohne den Heiland Jesus Christus, ohne die Menschwerdung verkommt das Fest zur Konsumorgie. Und die Türen unserer Herzen und Häuser bleiben dabei fest verschlossen. Da sitzen wir dann gemütlich in der sicheren Herberge und Er? Er bleibt draußen. 

Möge es in diesen Tagen für jeden von uns Wirklichkeit werden, was Angelus Silesius so geheimnisvoll wahr beschreibt: 

"Halt an, wo läufst du hin - 
der Himmel 
ist in dir! 

Suchst du Gott anderswo. 
Du fehlts ihn für und für. 

Wird Christus tausendmal 
zu Bethlehem geboren 
und nicht in dir, 
du bleibst noch ewiglich verloren."