Samstag, 4. November 2017

Alle Jahre wieder, kommt der Zipfelmann...

Er ist wieder da! Alle Jahre wieder tobt sie wieder, die virtuelle Debatte über den Untergang des Abendlandes anhand der Diskussion um Martinszüge, Lichtermärkte, den Beginn des Weihnachtsverkaufs ab Ende August und - die „Zipfelmänner“. Im sechsten Jahr in Folge präsentiert der Discounter PENNY seinen „Zipfelmann“ und entfacht damit die alljährliche Debatte. In diesem Jahr mit einem bemerkenswerten neuen Detail, denn nach sechs Jahren reichte offenbar das Erregungspotential der „Zipfelmänner“ nicht mehr, die es bislang in drei Varianten gab (meine Lieblingsvariation war die mit Smarties). Daher hat man die Figur in diesem Jahr ironischerweise just mit der Zutat aufgeladen, die zuverlässigerweise für die notwendige Resonanz sorgt: den Regenbogen. Unter dem Stichwort „Regenbogenliebe“ kommt der Zipfelmann diesmal ultimativ bunt daher. Dennoch: „Alpenvollmichschokolade“ musste es schon sein. Schließlich kommen auch normale Regenbogenpaare in Liebesdingen eher traditionell um die Ecke. 

Über 2.000 mal wurde der Penny – Beitrag inzwischen schon geteilt, über 7.000 „likes“ gibt es, wobei auch der „Wütend“-Smiley entsprechend häufig vergeben wurde.
Wer die Kommentare liest, sollte sich Poppkorn oder Chips bereit legen. Es ist alles dabei! Aus dem ganzen breiten gesellschaftlichen Lager fühlt man sich bemüßigt, den Marketingag der Firma zu kommentieren. Vieles davon ist unterhaltsam. Erschütternd ist für mich aber, wie die Figur des „Weihnachtsmannes“ zum abendländischen Kulturgut stilisiert wird. 

Die durchaus humorvollen und treffsicheren Reaktionen des Penny – Social-Media-Teams sind zwar schlagfertig und lustig, offenbaren aber ein weiteres Mal, dass diese Leute sicher viel Ahnung von Marketing und Product – Placement haben, aber keine Ahnung vom Hl. Nikolaus. Den stets wird behauptet, dass Penny ja neben den „Zipfelmännern“ auch „Nikoläuse“ und „Weihnachtsmänner“ im Angebot habe. Und die würden sich im Marktregal bestens verstehen. Das glaube ich gerne, sind sie doch vermutlich in derselben Schokofabrik vom Band gelaufen, aus echter „Alpenmilch“ und zuverlässig in Kinderarbeit geernteter Schokolade aus Zentralafrika (oder so). (Ach nein, die Kinder laufen auf der Plantage nur so mit den Müttern mit, weil sie ja sonst unbetreut im Dorf bleiben müßten...). Hups, jetzt verliere ich mich schon wieder im Thema der Welthandelsstrukturen. Oder in Diskussionen über die Macht der Discounter und den fatalen Folgen für die Nahrungsmittelproduktion in Europa. Das wollte ich gar nicht. Also zurück zum Thema... 

Ich bin seit vielen Jahren PENNY-Kunde. Ja, und auch die „Zipfelmänner“ konnten mich bisher nicht davon abhalten. Ich bin da ziemlich „konservativ“ und diesem Markt seit langer Zeit treu. Und daher kann ich sicher sagen, in hiesigen Penny-Märkten gibt es und gab es in 20 Jahren keinen einzigen Nikolaus. Allenfalls einigermaßen häßliche Weihnachtsmänner und die sind ja keineswegs Ausweis weihnachtlicher Traditionen, sondern eine Art „Neophyt“, der sich im Gefolge des Booms amerikanischer Warenlieferungen seit der Zeit der „Care-Pakete“ in Deutschland verbreitet hat. Wobei diese sympathische Brauchtumsfigur ja durchaus jahrhundertealte europäische Wurzeln hat, die dann aber in Amerika geschickt zur Marktreife gebracht wurden. Karriere hat Santa Claus vom Anfang des 20. Jahrhunderts an in Good Old Amerika gemacht. 

Durch irgendeinen Umstand hat die deutsche Schokoindustrie das Potential entdeckt, das in dieser Figur steckte. So entstand der Schokoladenhohlkörperboom, was ja vermutlich besser als jeder scharfzüngige Kommentar ausdrückt, was der innere Gehalt dieser re-immigrierten Märchenfigur im europäischen Kontext sein dürfte, nämlich – mehr oder minder lauwarme Luft. Bei seiner Verbreitung dürfte in Deutschland der Umstand geholfen haben, dass der Weihnachtsmann ja so etwas wie „konfessions- und religionsneutral“ sein dürfte. Zwar etwas weniger als der „Zipfelmann“, aber der Begriff Weihnachten allein ist ja inzwischen des religiösen Gehaltes weitgehend entleert worden. Was man skurilerweise ja auch an den Kommentaren der Qualität „Abendlandsverteidiger“ unschwer erkennen kann. Wenn am Ende der Weihnachtsmann für den religiösen Gehalt der Weihnachtsfeiern Pate stehen muss … dann gute Nacht, Christentum.

Ich habe persönlich überhaupt nichts gegen all die Weihnachtsbegleitfiguren und Jahresendfiguren mit Flügeln. Mögen sie doch die Regale und Wohnstuben in großer Pracht bevölkern (und vollkitschen), von mir aus auch in Gestalt von Regenbogenzipfelfrauen und auf Regenbogen tanzenden Einhörnern. Solange man mir das nicht als christliche Tradition verkaufen will ist mir das ziemlich egal. Alles Andere sind Geschmacksfragen und da bin ich – was Weihnachten angeht – eher traditionell. 

Ein Engagement GEGEN all diesen modischen Kram kann ich mir nicht vorstellen. Da würden wir uns entweder in die verkehrte Gesellschaft begeben, unter all jene einreihen, die nur Protest brüllend und keifend durch die Straßen und virtuellen Foren ziehen oder die, die aus einer weit verbreiteten Kombination von Langeweile, Perspektivlosigkeit und Frustration geschickt politisches Kapital schlagen. Um dann am Ende eine ganz eigene Agenda zu verfolgen. 

Als Christ engagiere ich mir FÜR etwas und in diesem konkreten Fall für den Hl. Nikolaus. Der hat es gar nicht nötig, mit Zipfelmännern und Weihnachtsmännern zu konkurrieren, ja nicht mal mit den sexistisch aufgeladenen Weihnachtsfrauen. Der Hl. Nikolaus wird von denjenigen gewählt, die mit seiner Figur, seiner Person und mit seinen Geschichten, Legenden und deren zutiefst wahren Kern etwas anfangen können. In seiner Schokogestalt ist er meist genauso „hohl“ wie jeder Zipfelmann, aber – unter uns Katholiken darf man das sicher sagen – in gewisser Weise steht der Schokoladen-Nikolaus sakramental für etwas, er ist ein Symbol für eine höhere Wirklichkeit, für eine tiefere Wahrheit. Er kündet davon, dass es Gott gibt, das es Nächstenliebe gibt, dass der Glaubende Dinge vollbringen und ertragen kann, die man sich gar nicht ausmalen kann. Wer glaubt, ist nie allein, für den der glaubt, ist nichts unmöglich!

Wenn der Hl. Nikolaus friedlich neben den anderen Schokofiguren im Regal steht, dann ist jeder Mensch frei zu wählen. Wem der Zipfelmann reicht, der auf eine sechsjährige Tradition zurückblickt, gut! Wem der Weihnachtsmann reicht, dessen frühe Vorfahren man vielleicht in den nach der Reformation wieder aufgewärmten Märchen und Mythen der nordischen Völker entdecken könnte, auch gut! 

Wer den echten Nikolaus wählt … der hat meine Sympathien. Das werden sicher die überzeugten Christen sein, neben Katholiken heute auch Lutheraner und andere Evangelische, Orthodoxe sowieso, auch wenn dort der Hl. Nikolaus eine andere Gestalt hat als die eines barocken bis heutigen Bischofs. Aber neben den sowieso schon Überzeugten, werden auch weitere Menschen zum Hl. Nikolaus greifen. Weil sie um die humanitäre Kraft dieser Gestalt wissen, oder ahnen, dass der Nikolaus einen Mehrwert hat und mehr ist als nur Luft und leckere Schokolade. Er braucht die Konkurrenz der Zipfel- und Weihnachtsmänner und Frauen dieser Welt nicht zu scheuen. 

Ja, es ist wahr. Der Hl. Nikolaus hat wirklich gelebt. Er ist real und keine Märchenfigur. Er war schon zu Lebzeiten ein Held und ist es für zahllose Menschen durch die Jahrhunderte geblieben. Er war ein Held ganz anderer Art, ein realer Held. Ein Held des Friedens, nicht des Krieges. Ein Held der Gerechtigkeit, nicht der Macht des Stärkeren. Ein Held des Mitgefühls und nicht der Stärke und Härte. Ein Held der Bescheidenheit und kein Anführer der Frustrierten. Ein Held nach menschlichem Maß, zu dem ich nicht aufschauen muss, sondern der meine Schritte lenkt auf den Weg der Nachfolge und letztlich in die Fußspuren Jesu Christi.

Samstag, 14. Oktober 2017

Ich bin stolz, stolz auf die Leistungen deutscher Heiliger in vielen Jahrhunderten... ...und Barbarossa ist nicht mein Messias!

Die Rede von Alexander Gauland beim „Kyffhäusertreffen“ Anfang September 2017 schaffte es in den letzten Tagen tatsächlich sogar noch einmal in die Lokalteile unserer Dinslakener Zeitungen. Der Grund dafür war eine offenbar anregende Unterrichtsreihe im Voerder Gymnasium. Am Ende dieser Unterrichtsstunden stand ein aus vier einzelnen Leserbriefen zusammengestellter „offener Brief“ an Alexander Gauland. 

Ich bin gespannt, ob Gauland darauf reagiert. Ich fürchte, beeindrucken wird ihn diese Wortmeldung aus der Feder junger Leute wohl nicht, denn schon in der aufgeheizten Vorwahlatmosphäre gab es viel Kritik. Damals schrumpfte diese (kurze) Rede auf einen noch kürzeren Satz zusammen: Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill seien, „haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Und zuvor: „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Und das sprechen wir auch aus. Deshalb haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.“

Aufschrei! Aufregung! Nazi-Rufe!

Komisch, dachte ich damals. Inzwischen wissen wir doch längst, wie AfD-Wahlkampf funktioniert. Und immer noch fallen alle darauf hinein und verbreiten diese Botschaften auch noch quer durch das Land. Die Debatte hat mich jedenfalls nicht motiviert, mir die gesamte Rede einmal anzuhören. 

Trotzdem machte mich neugierig, was Jugendliche aus meiner Stadt zu dieser Rede zu sagen hatten. Mein erster Eindruck: „Aha, sie gehen zunächst auf Gauland zu.“ Dann folgt aber im Grunde nur die schon anderswo oft geäußerte Kritik. Mein abschließender Eindruck: „Das wird unter Gaulands Getreuen niemanden beeindrucken!“ Doch einen engagierten AfD-Unterstützer aus meinem Umkreis schien es doch zu beeindrucken. Er verfasste eine scharfzüngige Replik, die er über Facebook veröffentlichte und auch als Leserbrief den Zeitungen zustellte. 

„Da setzt sich ein „mutiges“ Häuflein Oberstufenschüler - angestoßen und unterstützt von ihrem LK-Lehrer – bewaffnet mit dem unerschöpflichen archive.org- und erweiterten Wikipedia-Wissens eines Geschichts-Leistungskurslers gemütlich hin, den Big Mac in der linken, das Smartphone in der rechten Hand, vielleicht gar noch ein Che Guevara-Konterfei als Sticker an Shirt oder Schulbeutel und textet in sein sprachgesteuertes Endgerät einen „Offenen Brief“ an Alexander Gauland, in welchem es der interessierten Leser-Welt die seiner Auffassung nach einzig korrekte Sicht auf Millionen Deutsche in Uniform darlegt.“ Das alles sei "Mainstreamgefasel". 

Huch, dachte ich. Da ist aber einer sauer! Also schenkte ich gestern abend Herrn Gauland 17 Minuten meiner Zeit und hörte mir seine Rede an. Und das Filmchen würde ich auch empfehlen, denn der reine Text ist das Eine, die Art des Auftritts und die Rufe des Publikums ergänzen allerdings, was am nackten Text noch fehlt. 

Der Kyffhäuser, den ich vor einigen Jahren nach dem Mauerfall einmal besuchen konnte, ist ein mythologischer Ort, vielfach aufgeladen durch die Geschichte, Mythen und Sagen und deren Inszenierung in den vergangenen Jahrhunderten. Hier stimmt sicher der Vorwurf Voltaires „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat.“ Kern der mythologischen Aufladung des Ortes ist die Sage, dass in einer Höhle des Kyffhäuserberges Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) schläft. Er schläft, um einst als Messias, als Erlöse mitsamt seinen Getreuen eines Tages zu erwachen, das Reich zu retten und es wieder zu neuer Herrlichkeit zu führen. Das sogenannte „Kyffhäusertreffen“ ist eine Aktion der von Björn Höcke angeführten „Bewegung“ „Der Flügel“ innerhalb der AfD. Offenbar möchte man sich am Mythos des Kyffhäuser bedienen und die dortigen Auftritte mit diesen historischen Mythen aufladen. 

Hier konnte Alexander Gauland eine Rede halten. Meine erste Erkenntnis: So langweilig ist der Mann gar nicht! Man merkt ihm an, dass er politisch mit allen Wassern gewaschen ist. Gauland hat ja in seiner Biografie eine intensive Geschichte als Spitzenpolitiker der CDU. Die Rede kreist um das Thema deutsche Kultur, sie reißt viele Themen an – aber im Grunde geht es doch nur ein Eines, eine umfassende Replik auf einen Satz der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung und einen Angriff auf Aydan Özoguz, in der Gauland offenbar einen zentralen politischen Gegner erblickt hat. Sicher nicht zufällig, verkörpert sie doch in Person einen Gegenentwurf zu einem zentralen Themenfeld der AfD-Politik.  

Im Grunde dreht sich die ganze Rede Gaulands um eine unkluge Wortmeldung der SPD-Politikerin, die in einem Tagesspiegel – Text behauptet hatte: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“ Sie antwortete damit auf die wieder aufgeflammte Diskussion um das Stichwort einer „deutschen Leitkultur“. Politisch klug war diese Formulierung sicher nicht und in dieser Formulierung ist das ja auch schlicht falsch. Eine Steilvorlage für jemanden wie Alexander Gauland.

Ihr hält Gauland nun entgegen, was er als deutsche Kultur erkannt hat. Er erinnert an bedeutsame Gestalten der deutschen Geschichte und Kultur und stellt die Frage, ob Özoguz dies alles nicht kenne und ob eine solche Frau überhaupt geeignet sei, die Integration von Ausländern, für die sie ja verantwortlich sei, in irgendeiner Weise voranzubringen. Gauland ruft aus, er würde nicht zulassen, dass diese reiche Geschichte von einer türkischstämmigen Deutschen entsorgt würde.

Als Gauland erstmals auf Özoguz zu sprechen kam, kommt Leben in die Versammlung auf dem mythischen Hügel, erklangen aus dem Publikum die Rufe „Abschieben“ und „Entsorgen!“
Gauland rechnet vor, dass in den Parteiprogrammen der „Altparteien“ nur fünf mal von Deutschen die Rede sei und 400 mal nur von Menschen gesprochen würden. („Pfui! Pfui“ - Rufe aus dem Publikum.) Nur im AfD-Parteiprogramm sei immerhin 15 mal vom deutschen Volk die Rede, denn „Wir sind die Partei der Deutschen!“. Man ehre und achte die Farben und historischen Traditionen Deutschlands.

In Anspielung an abgehängte Bilder des Soldaten Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform vereinnahmt er den Sozialdemokraten als „patriotischen Deutschen“. Zur deutschen Geschichte gehörten „Staufenberg und Rommel“ und die Schlachtfelder von 1870 – 1918, deren Namen er, abschließend mit Verdun, aufzählt.

Das Ganze gipfelt dann in den schon oben zitierten Sprüchen über die deutsche „falsche Vergangenheit“, die aber die Identität der heutigen Deutschen nicht mehr betreffe, da man damit ja schon gründlich aufgeräumt und aufgearbeitet habe, was vom Publikum mit begeisterten „Gauland, Gauland!“ - Rufen quittiert wird. 

Mit Verweis auf Bismack bekennt der Redner sich zu Bismarck und zur Zusammenarbeit mit anderen Ländern, ein starkes Deutschland im Verbund mit Russland – England – Frankreich und beendet seine Rede mit einem historischen Zitat aus der von Schiller gestalteten Sage von Wilhelm Tell: 
„Seid einig, einig, einig.
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Lieber den Tod, als in der Knechtschaft leben.“

Da sitze ich nun vor dem Computer, während der Applaus nach der Rede gerade verklungen ist. Und schüttele mich! Ich bin in der Tat etwas erschüttert. Aber nicht so sehr über die Inhalte der Rede, sondern über die Atmosphäre und den Applaus, immer an den falschen Stellen, sowie die Zwischenrufe, die mir genauso verkehrt vorkommen. 

Denn Jubel und Applaus gab es nur, wenn spitze Bemerkungen fielen, gegen politische Gegner oder das, was man in der AfD als Mainstream der Geschichtsbetrachtung und „Schuldkult“ interpretiert. 

Man ist ja durchaus geneigt, Gauland zuzugestehen, dass hier und da mit unserer Geschichte „gerechter“ und weniger einseitig umzugehen wäre. Mir fallen durchaus Lücken im Geschichtsbewußtsein meiner Mitmenschen und im Geschichtsunterricht meiner Kinder auf. Vielleicht macht es ab und an Sinn, die Lehrpläne einmal zu überarbeiten. Vermutlich verdiente dieses Fach auch mehr Gewicht gegenüber den anderen Kernfächern. 

Kann man stolz sein auf die Leistungen von Soldaten in zwei Weltkriegen? Mir geht dieses Gefühl völlig ab, selbst wenn ich an meinen eigenen Urgroßvater denke, der im 1. WK Soldat war und meinen Großvater, der im 2. WK einer Granate zum Opfer fiel und dessen Wehrmachtsbriefe ich einmal lesen konnte. Stolz auf deren „Leistungen“? Ich weiß das gar nicht, was sie konkret geleistet hatten. Stolz bin ich auf ihre Sorge um die ihnen anvertrauten Menschen, seien es Kameraden, sei es die Familie, die Kinder. Stolz wäre ich, wenn ich sicher sagen könnte, sie haben sich nicht an Kriegsverbrechen beteiligt. Aber wenn doch? Ich weiß nichts darüber, und alles, was ich über Krieg weiß, sagt mir, dass die „Leistungen“ der Soldaten auf der einen oder anderen Seite der Front für sich genommen und auf den Einzelnen geschaut vielleicht achtens- und bewundernswert waren, aber in der Folge doch Zerstörung gebracht haben, Leid, Vernichtung, Verheerung. Was für ein kranker Stolz sollte das sein? Stolz auf Kriegsleistungen an sich? Stolz auf die grandiose naturwissenschaftliche Leistung eine Atombombe gebaut zu haben? Ich kann das nicht! Und, lieber Herr Gauland, mir fehlt auch nichts ohne diesen Stolz. Was fehlt eigentlich denen, die gern "stolz" darauf wären? 

Trotzdem gehe ich immer wieder zum Kriegerehrenmal in Vreden und stelle am Namen meines Großvaters eine Kerze ab. Während heutzutage die Gräber unserer Lieben nach 25 bzw. 35 Jahren dem Erdboden gleichgemacht werden, gehen wir doch noch immer Jahr zu Jahr zu den Orten, wo der Soldaten gedacht wird, die in den Kriegen starben. Weil sie zumindest in dem Willen losgezogen sind, ihre Heimat und ihre Lieben zu verteidigen. In der Kirche von Götterswickerhamm sind sogar noch die Soldaten verzeichnet die im „Heiligen Krieg“ gegen Frankreich 1870/1871 ihr Leben lassen mussten. Besonders stolz bin ich auf meine Oma, die ihre beiden Jungs trotz des Kriegstodes ihres Mannes gut aufzog, mit Hilfe ihrer Familie. Stolz bin ich auf sie, die ihrem Mann zeitlebens treu blieb, bis der Tod sie beide dann wieder neu verband – in Gottes Reich!

Und an dieser Stelle läßt Gauland bei mir die größte Befremdung und Unsicherheit zurück. Nämlich dort, wo er das Zitat der die Schiller – Formulierung des Rütli – Schwurs abbricht. So erscheinen mir viel aufschlußreicher als die Rede selbst, die Leerstellen, die der Redner läßt. Denn der Schwur geht ja weiter: 
„Wir wollen trauen auf den höchsten Gott 
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.“ 
Warum fehlt dieser Satz? Er ist doch ausreichend pathetisch auch (und gerade) für den Kyffhäuser!

Vielleicht, weil zu den Worten „trauen auf den höchsten Gott“ das Schweigen (und der Begeisterungsmangel) der Zuhörer genauso groß gewesen wäre wie bei der Nennung der Namen Heine, Lessing oder Goethe?

Und dann wird mir klar, was bei der ganzen Rede fehlte. Es kam keine einzige Person darin vor, die für die reiche religiöse Geschichte unseres Landes steht, keine Person, die für den gläubigen Aspekt des Redens vom christlichen Abendland stehen könnte. Kein Wort von Bonifatius, Karl dem Großen, Thomas von Aquin, von Albertus Magnus, von Bruno von Köln, von Petrus Canisius, Gertrud und Mechtild von Hackeborn, Elisabeth von Thüringen, Adolph Kolping und Alfred Delp. Nur Martin Luther (und sein Deutsch) muss herhalten für die beschworene „Dominanz (einer vergangenen Epoche) deutscher Kultur und Sprache in Europa“. 

Und diese gewaltige Leerstelle macht mir viel mehr Sorge als die Provokationen um den Stellenwert „dieser zwölf Jahre“ im Bewußtsein der Deutschen oder die Diskussion, ob man stolz auf die deutsche Wehrmacht sein kann. Und hier würde ich von Herrn Gauland auch gern mal etwas hören. Vielleicht beim nächsten Treffen auf dem Kyffhäuser? Und dann würde ich auch versprechen nicht sechs Wochen zu warten, bis ich mir das anhöre.

Freitag, 29. September 2017

"An Gottes Segen ist alles gelegen." Doch: Segnen oder nicht segnen, das ist hier die Frage!

Es war der apostolische Nuntius in der Schweiz, Erzbischof Thomas Gullickson, der vor einigen Tagen einen Artikel von katholisches.info teilte, mit der Frage: „Segnung eines Homo-Paares in Wesel setzt die Glaubwürdigkeit der Kirche aufs Spiel. Was macht Bischof Felix Genn?“. Der traditionalistische Blog aus dem eher unappetitlichen Teil des Umfeldes der Piusbruderschaft verwies dabei auf einen Bericht der Rheinischen Post mit der Überschrift: „Männer-Paar feiert Vermählung in Kirche.“

Was war geschehen? Der Emmericher Bürgermeister Peter Hinze plant, am kommenden Samstag mit seinen Lebensgefährten eine eingetragene Lebenspartnerschaft einzugehen (die sog. "Ehe für Alle" gibt es erst ab 1. Oktober 2017). Sein Lebensgefährte wohnt in Wesel-Bislich in unmittelbarer Nähe der Kirche und war dort immer im Gemeindeleben aktiv. Während Emmerichs Bürgermeister sich selbst nicht als gläubigen Menschen sieht, war es für seinen Partner wesentlich, für den gemeinsamen Lebensweg auch um Gottes Weggeleit und Segen zu bitten. Daher vereinbarten sie mit dem Weseler Pfarrer und Domkapitular Stefan Sühling einen Wortgottesdienst mit einem allgemeinen Segen für „alle, die in Beziehungen leben“. 

In dem RP-Artikel heißt es: „Mein Partner ist der Kirche eng verbunden. Er war Messdiener, wohnt neben der Kirche", sagte gestern Emmerichs Bürgermeister Hinze unserer Redaktion. Also habe man bei Pfarrer Sühling nachgefragt, inwieweit am Tag ein Besuch der Kirche möglich sei. Im Ergebnis, so Hinze, werde es eine Form des Wortgottesdienstes geben, an dem die Festgemeinde teilnehme.

Kein Ehe-Sakrament

Die Kirche St. Johannes im kleinen Deichdörfchen Bislich gehört zur Pfarre St. Nikolaus Wesel. Schon in der Stadt wäre solch ein Gottesdienst ungewöhnlich - auf dem Dorf ist er es erst recht. Pfarrer Sühling sagt: "Es ist ein Gottesdienst, an dem die beiden teilnehmen." Er betont zugleich, dass er nicht das Sakrament der Ehe spende, dass es keine kirchliche Trauung im eigentlichen Sinne sei. Er werde um den Segen Gottes für Menschen bitten, die in Beziehungen leben. Er wolle keine große Sache daraus machen, wolle sich aber dem Wunsch von Menschen nicht verweigern, die sich Gott verbunden sehen. Vorgaben des Bistums würden beachtet.“

Aufgrund dieses Artikels in der Lokalpresse haben sich offenbar einige Menschen in Münster bei Bischof Genn gemeldet. Dieser sah sich daraufhin veranlaßt, diesen Gottesdienst abzusagen. Kein Wunder, dass dies nun hohe Wellen schlägt, quasi im Windschatten der doch eher spontanen Entscheidung des Bundestages für eine „Ehe für Alle“. 

Kein Wunder auch, dass das Paar nun tief enttäuscht ist. Allein schon, weil die Festplanungen völlig durcheinander geworfen wurden. Aber die Enttäuschung sitzt viel tiefer. Emmerichs Bürgermeister drückt dies so aus: »Man kann nicht schärfer den Eindruck bekommen, dass wir Menschen zweiter Klasse sind«, sagte er der Zeitung. »Es werden Hunde, Katzen und Motorräder gesegnet, aber wir sind es nicht wert?«

Hätten Sie, wo auch immer Sie sich in der Frage gleichgeschlechtlicher Partnerschaften verorten, eine Antwort, die das Paar auch nur in Ansätzen zufrieden stellen würde? Also eine in gewissen Sinne „christlich-missionarische“ Antwort? Sind „wir“ als Kirche hier nicht beinahe sprachlos und selbst nicht in der Lage den Spagat zu schaffen, in den wir uns in den letzten Jahren doch selbst hineinmanövriert haben, indem wir theologisch und kirchenrechtlich offen gelassen haben, welchen „Wert“ vor Gott eine gleichgeschlechtliche Beziehung haben könnte?

Auf der einen Seite sendet die Kirche durchaus Signale der Wertschätzung, man soll homosexuelle Menschen mit Höflichkeit, Takt, Mitgefühl, Nähe begleiten, seelsorglich an ihrer Seite sein, sie nicht ungerecht zurücksetzen. Gleichzeitig will die Kirche aber daran festhalten, dass gelebte Homosexualität Sünde ist. Mir ist bisher noch niemand begegnet, der das im konkreten Kontakt mit homosexuellen Paaren überzeugend verkörpern kann. 

Wenige Wochen nach der Entscheidung des Bundestages für die sogenannte „Ehe für Alle“ zeigt sich, dass diese Entscheidung (und die dahinter stehende gesellschaftliche Entwicklung) auch für die Kirche ganz neue Fragen stellt. 

Warum kann die Kirche alles und jedes segnen, aber offenbar kein homosexuelles Paar?

Ein Bekannter aus dem traditionellen Lager der Kirche formuliert seine Sicht so:

„Ob auf einer Verbindung zweier Menschen tatsächlich Gottes Segen ruht, wissen wir nie ganz sicher. - Sicher aber ist, dass auf gleichgeschlechtlichen Verbindungen niemals ein Segen der Kirche ruhen kann. Das der Staat Ehe-Imitationen legitimiert hat, ist tragisch genug. Hiergegen hat die Kirche deutliche Zeichen der Missbilligung zu setzen. Die klare Kante des Bischofs von Münster ist in Zeiten wie dieser, wo auch in der Kirche nichts mehr sicher scheint, sehr lobenswert!“

Interessant erscheint mir der Vorbehalt, der Gottes Segen durchaus auch dann für möglich hält, wenn die Kirche quasi „amtlich“ nicht segnet. Aber darf man einen solchen Unterschied theologisch machen? Gottes Segen ist überreich, überfließend … und die Kirche hat das zu kanalisieren? Das erscheint mir durchaus problematisch. 

Es lohnt sich, hier einmal einen Blick in die Statements des Pressesprechers Dr. Stephan Kronenburg zu werfen. Leider gibt es nur Äußerungen der Presse gegenüber, aber keine zusammenhängende Erklärung im Wortlaut. In Münsters Kirchenzeitung „Kirche und Leben“ liest man online: »Es geht dem Bistum nicht darum, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft herabzuwürdigen«, sagte Kronenburg. Durch Medienberichte sei aber der Eindruck entstanden, dass in der Kirche eine homosexuelle Hochzeit gefeiert werde. In Münster habe es diverse kritische Anrufe gegeben. Das Bistum wolle betonen, dass es einen Unterschied zwischen dem Sakrament der Ehe und einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gebe.“ 

Etwas ausführlicher berichtet die lokale Zeitung die NRZ: „Bischof Dr. Felix Genn hat persönlich interveniert. Er hat Bislichs Pfarrer Stefan Sühling untersagt, den geplanten Segen vorzunehmen. „Es geht dem Bistum nicht darum, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft herabzuwürdigen“, erklärt Bistumssprecher Dr. Stephan Kronenburg. Pfarrer Sühling habe sich zudem durchaus um ein gutes Vorgehen bemüht.
Es gab kritische Anrufe in Münster

Ausschlaggebend war nicht der NRZ-Bericht über die bevorstehende Hochzeit. Vielmehr gab es einen Bericht in einer anderen Zeitung, der das Thema theologisch aufgriff. Inhaltlich sei der Bericht zwar differenziert gewesen, wie Bistums-Sprecher Kronenburg erklärt, allerdings sei durch Aufmachung und Überschrift der Eindruck entstanden, es würde eine homosexuelle Hochzeit in der Kirche gefeiert. Was nicht der Fall ist.
In der Folge des Berichts habe es diverse kritische Anrufe in Münster gegeben. Das Bistum möchte betonen, dass es einen Unterschied zwischen dem Sakrament der Ehe und einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gebe. Das Bistum sah sich nicht in der Lage ,eine offenbar fehlgeleitete Diskussion selbst zu entkräften.“

Gegenüber dem WDR führt Kronenburg weiter aus: „Da kommt es sehr leicht zu Verwechslungen. „Wenn man jetzt sagen würde... z.B. das Paar kommt in einem solchen Gottesdienst nach vorne und wird gesegnet. Dann ist das sehr schwer zu differenzieren, was ist da eigentlich der Unterschied zu einer kirchlichen Trauung. Und von daher - da das jetzt diese Öffentlichkeit auch hatte – hat der Bischof gesagt: „Das geht nicht.“

In den konservativen Foren wird mein Bischof Felix nun als Verteidiger der katholischen Lehre gefeiert. Nur zu Recht? Ich bin mir da nicht so sicher. Zumindest aus den Formulierungen, die sein Sprecher wählt, klingt durch, das er weniger in der Segenshandlung selbst das Problem sieht, denn in der öffentlichen Außenwirkung, die die Angelegenheit inzwischen erreicht hatte. Das Kernargument, das Dr. Kronenburg auch anführt, ist ja die „Verwechslungsgefahr“. Wobei ich persönlich gar keine Sorge habe, dass diejenigen, die sich in Münster beschwert haben, hier nicht differenzieren könnten, im Gegenteil. Diese Leute haben sehr klare Ziele und ihre Pfeilspitzen richteten sich durchaus auch gegen Bischof und Papst. 

Just aus der Perspektive der Öffentlichkeitswirksamkeit entwickelt sich das laue Lüftchen protestierender Anrufer wohl gerade jetzt erst zu einem Sturm. Ich bin darüber nicht glücklich. Welche Botschaft wird es sein, die davon ausgeht? Dass die katholische Kirche die „Ehe für alle“ im Gegensatz zu den evangelischen Schwesterkirchen ablehnt, das sollte doch jeder in den letzten Wochen schon mitbekommen haben. So ist das am Ende nur Wasser auf die Mühlen von Leuten, die sich im Grunde weder das Wohl des Paares noch für eine theologische Entwicklung in der Kirche interessieren, sondern diese grundsätzlich in Frage stellen.

Als Seelsorger frage ich mich, wie ich in den nächsten Tagen den homosexuellen Gemeindemitgliedern begegnen kann, denen wir in unserer Gemeinde ermöglichen möchten, ihren Glauben konkret zu leben. Die zu uns gehören, die mit uns an Christus glauben und das Leben der Gemeinde gestalten und sicher zu Recht fragen: Habt ihr nicht einmal Segen für uns?

Wer bin ich, dass ich von ihnen fordern soll, dass sie auf spürbare Zeichen der Verbundenheit, auf Zärtlichkeit und Sexualität verzichten müssen, um „ganz“ zu uns zu gehören. 

Sie haben ihre Neigungen nicht gewählt, so wenig, wie ich es in der Hand habe, in wen ich mich verliebe. Da sind stärkere Kräfte am Werk, die in nicht wenigen schönen Hochzeitspredigten durchaus mit der Kraft des Hl. Geistes und dem Wirken Gottes in Verbindung gebracht werden. Auch an dieser Stelle glauben wir Christen nicht nur streng wissenschaftlich an die Biologie der Hormone und Pheromone. „Ich war wohl klug, daß ich Dich fand; Doch ich fand nicht. GOTT hat Dich mir gegeben; So segnet keine andre Hand.“ Diese Verse aus einem Gedicht von Matthias Claudius haben wir vor 20 Jahren über unsere eigene Trauung gesetzt. 

Was soll ich den Gemeindemitgliedern sagen, die nicht verstehen, warum ihr Bischof sogar eine schlichte Segnung ablehnt? Es haben mich in diesen Tagen auch Leute angerufen oder angesprochen, die nicht im liberalen Lager der Kirche stehen. 

Ich glaube, dass wir heute nicht so tun können, als seien gleichgeschlechtliche Verbindungen unter Glaubenden nicht existent. Das Argument, da könnte man (der treue Gläubige) irgendwie etwas verwechseln... …und davor müsse man ihn oder das Sakrament der Ehe schützen... finde ich persönlich schwierig. Wollen wir die Leute für dumm erklären, wo wir ihnen an anderer Stelle die komplexesten (moral)theologischen Verästelungen zumuten? Schon Kommunionkindern werden schwierigere theologische Zusammenhänge vermittelt als hier, wo man deutlich sagen kann: es gibt die Ehe, mit einem Eheversprechen vor Gott und es gibt einen Segen, der weder Sünder noch Gerechte ausschließt. Niemand wird von der katholischen Kirche ernsthaft verlangen, dass sie ihr Ehe-Ideal aufgibt (also nicht jemand, den man als Theologen ernst nehmen müßte), aber wenn wir in anderen Beziehungsformen einen gewissen Wert erkennen, dann sollte das in Gebeten, Formen, Ritualen Ausdruck finden können, gerne auch so, dass Verwechslungsgefahren sicher ausgeschlossen sind. Dieser Aufgabe müssen wir uns aber auch stellen.

Ich finde es bemerkenswert, dass in diese Angelegenheit der letzthin wieder zum konservativen Bischofskritiker und AfD-Apologeten rekonvertierte David Berger, der zwischenzeitlich als „schwuler Theologe“ der Kirche den Spiegel vorhielt, in dieser Sache ausnahmsweise schweigt. Er scheint für sich eine Möglichkeit gefunden zu haben, seine theologisch-konservative Weltsicht mit seinem persönlichen Liebesleben zu versöhnen. 

Möglicherweise wird man mir entgegnen: Aber die biblischen Zeugnisse sind doch eindeutig! Schau ins Alte Testament, schau in die Paulusbriefe... Aber muss man nicht auch sagen, dass Jesus Christus selbst nichts zu einer möglichen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gesagt hat. Und Paulus? Ich weiß es nicht. Der Sitz im Leben der jeweiligen Formulierungen in der damaligen Zeit ist von der heutigen Zeit doch inzwischen sehr verschieden. Und eine ausführliche Exegese der einschlägigen Bibelstellen wird wohl auch keine einfachen Lösungen geben. Daher kann das Verhältnis der Kirche zum Phänomen der Homosexualität nie völlig entspannt sein. Schließlich stellen sich in diesem Kontext sehr grundsätzliche Fragen, z.B. des Umgangs mit biblischen Texten, die quer zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und auch quer zu neu gewachsenen Überzeugungen unter den Gläubigen stehen. Auch die Fragen nach der Bedeutung des Naturrechtes in der katholischen Moraltheologie wären vertieft zu klären. 

Homosexualität ist der Bibel des Alten Testaments ein „Gräuel“. Aber das ist der Verzehr von Schweine- und Kaninchenbraten auch. Sicher gibt es nach wie vor Menschen, die sich mit Homosexuellen schwer tun. Und manchmal kommen moraltheologische Bedenken und eigene Empfindungen in unguter Weise zusammen. Die Szene der Homosexuellen ist dazu auch noch schillernd, vom gutbürgerlichen, treuen Paar wie in unserem aktuellen Fall, bis zu obskuren Typen, die sonderbare sexuelle Vorlieben ausleben. Aber, wenn wir als Kirche die Augen offen haben, dann sieht es unter Heteros nicht weniger schillernd aus. So genau wollen wir das im Grunde gar nicht wissen, aber die kirchliche Moraltheologie geht wohl eher von Blümchensex aus.

Die kunstvolle Theologie der Ehe in der katholischen Kirche wird keinen Raum bieten, den Ehebegriff und das Sakrament auch auf andere Formen von Partnerschaft auszudehnen. Die sakramentale Ehe orientiert sich u.a. am Naturrecht, an der klaren Erkenntnis, dass nur aus der Liebe von Mann und Frau, aus deren Sexualität neues Leben entstehen kann. Und dass Kinder in der Geborgenheit einer möglichst lebendigen Liebesbeziehung einer solchen Familie besser aufwachsen als unter allen möglichen anderen Umständen, darauf sollte man sich vermutlich einigen können, selbst mit denen, die die katholische Ehelehre für sich nicht nachvollziehen möchten. Aber es ist doch auch Fakt, dass das Eheideal, das diesem hehren theologischen Ideen zugrunde liegt, auch von den meisten (sakramental verheirateten bzw. heterosexuellen) Eltern nicht erreicht wird. Und dass de facto manches Kind mit zwei Vätern oder zwei Müttern gemeinsam geliebter und besser aufwächst als in der ein oder anderen klassischen Ehebeziehung. 

Was erreichen wir konkret als Kirche, in dem Bemühen, den Kindern einen guten Start ins Leben und eine stabile Verwurzelung in einer Familie zu ermöglichen, wenn wir den Segen der Kirche (und damit doch den Segen Gottes) für so viele Paare ausschließen, die aus verschiedenen Gründen keine sakramentale Ehe schließen können oder auch wollen. 

Damit meine ich nicht nur gleichgeschlechtliche Verbindungen. 

Ich sehe das Problem, dass in der Praxis der Eindruck entstehen könnte, die Kirche segne etwas ab, das sie in ihren Überzeugungen eigentlich als falsch darstellt. Aber der Segen Gottes ist mehr, als Kirche nehmen wir den Menschen die Verantwortung für ihre Entscheidungen nicht ab. Wir segnen bei einer Motorradwallfahrt nicht nur denjenigen, der sich an alle Regeln hält, sondern auch denjenigen, der die Möglichkeiten seiner Harley voll ausreizt, der riskant und gefährlich fährt, und ab und an selbst denjenigen, der als Mitglied einer Rockergruppe auf kriminellen Wegen unterwegs ist und durch irgendeinen Zufall sich vielleicht einer Wallfahrtsgruppe angeschlossen hat. 

Oder anders gesagt: Um Gottes Segen für Personen und Dinge zu bitten, ist etwas anderes als persönliche Handlungen und Haltungen „abzusegnen“ und sie ausdrücklich gut zu heißen. Was nicht bedeutet, dass „Kirche“ sich jeglicher Kritik enthalten sollte; wir segnen auch keine Waffen mehr und auch gegen kirchlichen Segen für Mafiosi kämpft der Papst mit klaren Worten an. Auch wenn diese sich noch so fromm geben. 

Ich glaube, da muss etwas an seelsorglicher Begleitung, auch in Gebet und Feier möglich sein, dass nicht nur einen Teil der Konservativen in der Kirche überzeugt, sondern auch öffentlich vorzeigbar ist in einer Welt, wo Homosexuelle inzwischen – Gott sei Dank - Menschen wie Du und ich sind. Eine solche Feier muss auch nicht den Ritus der Eheschließung nachahmen oder ähnlich gestaltet sein. Aber die Wertschätzung, die wir einem heterosexuellen Ehepaar entgegen bringen, für die Bereitschaft zur Treue und gegenseiten Sorge, für das Zusammenstehen in guten und schweren Tagen, die können wir einem anderen Paar nicht grundsätzlich verweigern. Das was ein gleichgeschlechtliches Paar miteinander und füreinander an Liebe verwirklicht, das ist – um es mit einem Wort aus meiner Studienzeit zu sagen – nicht nichts!

Ich denke da auch in der aktuellen Situation der Kirche an einen Dialog, den Jesus mit einer kanaanäischen Frau führt. Er schweigt erst auf ihre Klage hin, auch als die Jünger ihn schon drängen der Frau wegen ihrer Aufdringlichkeit zu helfen. Doch dann geschieht folgendes: „Die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.  Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“

P.S.: Hätte es für Bischof Felix Genn auch andere Möglichkeiten der Reaktion gegeben? Hätte er vielleicht sagen können: „Sehen Sie, die Menschen nehmen in Bislich an einem Gottesdienst teil, sie beten zusammen, sie singen, sie hören das Evangelium. Und sie empfangen den Segen Gottes. Es wird kein Paar besonders hervorgehoben, niemandem werden die Hände aufgelegt und es werden keine Ringe getauscht. Ich habe Vertrauen in meinen Domkapitular Stefan Sühling, dass durch die Feier deutlich ist, dass die Kirche für dieses Paar betet und um den Segen Gottes bittet, dass die Kirche aber kein schwules Paar trauen kann.“

Ich weiß das nicht, erst recht nicht in einer Situation, wo das Amt des Präfekten der Glaubenskongregation nicht mehr so prominent besetzt ist und sich mancher aufmerksame Beobachter umso mehr zum kleinen Präfekten aufschwingen möchte und Priestern, Bischöfen und dem Papst Nachhilfe in Sachen Katholizität geben zu müssen glaubt. 

Der Rummel, der nun auch in der Öffentlichkeit entsteht, wird uns leider in der Sache nicht weiter bringen. Vielleicht wäre es auch gut gewesen, wenn der Politiker in dieser Partnerschaft der Versuchung widerstanden hätte, die Feier eines Gottesdienstes im Bericht über seine „Verpartnerung“ zu erwähnen. Und die Presse der Versuchung, dieser Tatsache den Stempel einer „Vermählung“ aufzudrücken. 

Wie auch immer, ich wünsche diesem und allen Paaren, die sich an diesem Wochenende in Treue und gegenseitiger Sorge miteinander verbinden, alles Gute und Gottes reichen Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg. 

P.P.S.: Ein kleiner grundsätzlicher Nachtrag und Exkurs ging mir heute noch durch den Kopf, den will ich hier ergänzen:
Bin in die 60er / 70er Jahre mag es noch nachvollziehbar und verständlich gewesen sein, wenn Kirchenleute Homosexualität als sündhafte Abirrung der menschlichen Sexualität interpretiert haben. Schließlich wurde auch erst 1969 wurde der einschlägige Paragraf 175 des Strafgesetzbuches erstmals reformiert. Doch inzwischen wissen wir mehr über den Menschen, als alle Generationen vor uns.
Heute können wir die menschliche Sexualität nicht mehr eindimensional sehen.
Die menschliche Sexualität ist und bleibt eine machtvolle menschliche Antriebskraft. Die Entwicklung sexueller Vorlieben ist eine vielgestaltige Sache, auf die der einzelne Mensch nur begrenzten Einfluß hat. Die besondere Ausprägung der menschlichen Sexualität unterscheidet ihn sehr von allen anderen Lebewesen.
Dabei ist sicher richtig, dass nicht jede sexuelle Veranlagung auch ausgelebt werden kann. So wissen wir heute, dass es Menschen gibt, die sich zu weitaus jüngeren Sexualpartnern hingezogen fühlen. Eine solche Veranlagung kann in der Regel nicht einfach wegtherapiert oder unterdrückt werden. Die Herausforderung besteht darin, mit ihr leben zu lernen und sie so zu beherrschen, dass man nicht andere Menschen schädigt. Die Kirche hat hier schmerzliche Erfahrungen machen müssen, die auch über die Präventionsfragen hinaus weiter zu verarbeiten wären. Für die Entwicklung jedes Menschen gilt, dass er die eigene Sexualität beherrschen muss und nicht von ihr beherrscht werden darf (Stichwort: Keuschheit“). Das ist eine herausfordernde Kulturleistung!
Ob eine Unterscheidung in „sündhafte“ und „statthafte“ Formen von Sexualität heute noch so einfach möglich ist? Ausgehend von naturrechtlichen Überlegungen ist es so, dass Sexualität zwischen gleichgeschlechtlichen Personen nun einmal nicht auf die Zeugung neuen Lebens ausgerichtet sein kann. Dies macht ja klassisch-moraltheologisch deren Sündhaftigkeit aus. (Wobei „Sünde“ hier nicht im Wortgebrauch billiger Pornofilmchen zu verstehe ist.)
Ob in diesen Überlegungen und Haltungen wohl die Gottesgabe der Sexualität in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit ausreichend (und auf der Höhe der Zeit und der Wissenschaft) gewürdigt ist?
Der heilige Paulus ist sicher kein Freund von Zärtlichkeit und geschlechtlicher Liebe. Er neigte dem Zölibat zu, sah aber ein, dass nicht jeder dazu in der Lage ist. Auch die Kirche macht die Erfahrung, dass der Zölibat eine Berufung ist, die einem Menschen geschenkt ist (um die man sich aber durchaus bemühen kann). „Wer es fassen kann, der fasse es“, so heißt es bei Matthäus. Daher, zur „Keuschheit“ im Sinne der Beherrschung der geschlechtlichen Antriebe sind alle Katholiken berufen, zum Zölibat nicht.
Können wir dann ernsthaft davon ausgehen, dass alle gleichgeschlechtlich Liebenden zum Zölibat berufen sind? 

Samstag, 16. September 2017

AfD - eine Alternative für Christen?

Dieses Bild wird auf
ausdrücklichen Wunsch des AfD -
Unterstützers Stefan Thien hier gezeigt.
Kürzlich erregte in konservativ – christlichen Kreisen eine Umdichtung des Vater unser in „Merkel unser“ ein wenig die Gemüter. Tummeln sich durchaus AfD – Befürworter unter den konservativen Christen, so war hier durch den sehr freien Umgang mit einem der heiligsten Texte der Christenheit, für Einige eine Grenze überschritten. 

Als ich mir kürzlich einen Ausschnitt der Debatte im NRW-Landtag ansah, weil eine mir persönlich bekannte junge Landtagsabgeordnete zur „Ehe für alle“ sprach, hörte ich mit zunehmendem Erstaunen auch den Beitrag des AfD-Landtagsabgeordneten Herbert Strotebeck. Dieser führte unter anderem als Argument gegen die „Ehe für alle“ ins Feld, dass die Ehe ein Sakrament sei. Ein solches Argument im politischen Raum, ausgerechnet von der AfD?

Just heute morgen wurde ein Foto durch die sozialen Medien gereicht (mit dem Kommentar: „Ein Mann des Glaubens. Bilder die unsere Presse nicht veröffentlicht“ und bisher 1.234 mal geteilt), das den Benediktinerbruder Augustinus Kaulwell OSB auf einer AfD-Bühne zeigt, wie er Alice Weidel die Hand reicht. Ehrlich gesagt, wüßte ich auch nicht, warum die Presse das veröffentlichen sollte. Ein Kirchenmann, der für eine politische Partei eintritt – das ist doch sicher keine Pressenachricht wert. Im Gegenteil, wird doch gerade in diesen Kreisen sehr gern und negativ die (vermutete) Nähe der evangelischen Kirche zu Grünen und SPD benörgelt oder die der katholischen Kirche zur CDU. 

Ich sehe jedoch unter meinen Kontakten auf facebook, dass offenbar nicht wenige Katholiken nicht abgeneigt sind, die AfD zu unterstützen. Das geht bis zu offener Werbung für diese Partei. Und kaum irgendwo arbeiten sich die AfD-Unterstützer in und außerhalb der Kirche so an kritischen Positionen zur AfD ab, wie wenn Bischöfe, Kardinäle und Pfarrer gegen Positionen der Partei offen Stellung beziehen. Ein veritabler Shitstorm und schlaflose Nächte der Social-Media-Beauftragen sind dann noch die harmlosesten Auswirkungen. 

Also, es gibt Katholiken, die die AfD offen unterstützen. Das ist sicher nicht der Mainstream und auch im konservativen und traditionellen katholischen Spektrum eher die Minderheit, aber doch eine nennenswerte Minorität. (Auf katholisch.de gibt es einen etwas älteren Beitrag dazu.) Über Herbert Strotebeck, den NRW-MdL und seine Kirchenbindung ist leider im Netz nichts Konkretes zu erfahren, zu vermuten ist allerdings, dass er dass er Katholik ist. Sein MdL-Kollege aus Rheinland-Pfalz dagegen, Michael Frisch ist (war) katholischer Religionslehrer an einer berufsbildenden Schule. Auch Jörg Meuthen betont gerne seine katholische Bindung und Verbindung beispielsweise mit Papst Benedikt XVI.. Auch Frau von Storch ist unlängst katholisch geworden. Ich denke, dass diese Personen durchaus exemplarisch stehen für weitere, eher bürgerliche Akteure in der AfD. 

Es war die Journalistin und Juristin Liane Bednarz, die diesen christlichen Kreisen den Stempel „rechte Christen“ aufdrückte, was wiederum zu einem heftigen Widerspruch bis hin zu persönlichen Anfeindungen führte, mit Formulierungen, die ich Katholiken bis dato nicht zugetraut hätte. Liane Bednarz, die sich früher durchaus in konservativ-traditionell eingestellten christlichen Umfeld bewegte, sich daher auch vom eigenen „Lager“ distanzierte, wie auch Andreas Püttmann, ein ebenfalls eher konservativer, kirchlich verbundener Publizist beobachten diese Szene mit hoher Aufmerksamkeit und kommen daher in diesen Tagen immer wieder in Zeitungen und Fernsehsendungen zu Wort. 

Anläßlich des nahenden Wahltermins, gab es in den letzten Wochen insbesondere zwei Fernsehproduktionen, die das schwierige Verhältnis der Kirchen zur AfD einmal genauer unter die Lupe nahmen und dabei durchaus den Finger in die Wunde legten, dass sich auch unter AfD – Anhängern und Politikern eine gewisse Gruppe Christen tummelt. 

In der Diskussion mit kirchennahen AfD-Akteuren wird immer wieder auf die schriftlich niedergelegten Parteiprogramme verwiesen und auf Stellungnahmen namhafter AfD-Funktionäre. Diese stehen allerdings in einem gewissen Kontrast zu den lautstark herausgehauenen „Sprüchen“ und den an Rednerpulten vorgetragenen „Tabubrüchen“. Hiermit erzeugt und verstärkt die AfD geschickt eine Stimmung und eine weit verbreitete Politik- und Demokratieverdrossenheit unter den Bürgern, die sie durchaus in „klingende Münze“ bei den Wahlen umzuwandeln versteht. Auf dieser Welle reitet die Partei zur Zeit, die Frage ist nur, wie lange sie sich auf diesem Surfbrett halten kann. Denn irgendwann werden Inhalte und diskursive Umgangsformen gefragt sein und damit die gestandenen politischen Akteure unter den Krawallmachern. 

Zur Zeit geht es mir mit der AfD noch wie mit der alten Fabel von den Blinden und dem Elefanten. Je nachdem, was man erspüren kann, stellt sie sich anders da. Und an diesem Eindruck hält der Einzelne dann fest. Ein solcher Elefantenfuß ist das Eintreten der Partei für das Lebensrecht und gegen die Auswüchse der Genderdiskussion. Ein anderes Standbein ist für die konservativ-katholischen Unterstützer die Skepsis gegenüber den vielen Flüchtlingen und Migranten und gegenüber einem offenbar als (zu) stark empfundenen Islam. Das hat sicher damit zu tun, dass man erfährt, wie die Muslime aufgrund der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit öffentlich sichtbar Rechte in Anspruch nehmen, deren Raum zuvor sichtbar und kraftvoll von den Kirchen ausgefüllt wurde. Diese schwächeln ja inzwischen deutlich, wie uns die Debatte um die „Ehe für Alle“ und die krachende Niederlage derer, die die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau hochhalten wollten, überdeutlich vor Augen geführt hat. Diese Niederlage war auch eine krachende Niederlage der Bischöfe, was auch darin sichtbar wird, dass „die Kirche“ und „die Bischöfe“ nach dieser Abstimmung nur noch eher kleinlaut reagierten. Wo vor etlichen Jahren noch die Eingetragene Lebenspartnerschaft als Niedergang des Abendlandes bekämpft wurde, hoben nun einzelne Bischöfe deren Genialität auf den Schild. 

Zu den eher verstörenden Erkenntnissen des Wahlkampfes gehören für mich die vielen Meldungen darüber, dass die AfD den inhaltlichen Diskurs nicht selten vermeidet. Wo parteipolitische Positionen in Zeitungen oder von Interessenvertretungen abgefragt werden, „glänzt“ die AfD immer wieder durch Abwesenheit uns Schweigen, ebenso auf lokalen politischen Diskussionsforen. Diesen Eindruck rundet ihr Umgang mit den Medien durchaus ab, so die genüsslich zelebrierten Verweigerungen und das Abbrechen von Interviews, das Verlassen politischer Diskussionsveranstaltungen, sobald zu viele missliebige Fragen gestellt werden. Das liegt natürlich auf der Linie der gern postulierten allgemeinen Verdächtigung der Medien als „linker Systempresse“. Es erscheint mir aber auch als Ausdruck einer gewissen Bequemlichkeit. Der Zuspruch der Wähler scheint ja dennoch sicher, sogar noch mehr wenn man sich (nicht immer zu Recht) als Medienopfer präsentieren kann. Man muss der AfD allerdings manchmal zu Gute halten, dass die Qualität der Fragen oder der Stil sehr plakativer Angriffe selbst mich als eher distanzierten Beobachter zunehmend nervt. Die Formate, die sich offen und geradeaus mit der AfD, ihren Akteuren und Positionen auseinandersetzen gibt es auch, allerdings eher in gewissen Nischen der sozialen Medien und im Internet. 

Das Getöse der politischen Auseinandersetzung ist auch über das als „Kirchenpolitisches Manifest“ der AfD angekündigte Papier des kirchenpolitischen Sprechers der AfD im Landtag von Rheinland-Pfalz hinweg gegangen. Nach Pressemeldungen gab es davon zwei Varianten, öffentlich vorgelegt hat man eine Kurzfassung in 6 Seiten, mit der ich mich hier befassen möchte. 

Im ersten Punkt setzt sich der Autor mit der Tatsache auseinander, dass die europäische Kultur tiefgreifend vom Christentum geprägt ist. Er ergänzt, dass diese christliche Kultur durch Humanismus und Aufklärung weiter entwickelt worden sei und bekennt sich klar zur „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Diese Kultur sieht man allerdings in Gefahr, denn der weitere Text befasst sich sehr damit, dass man die abendländisch christliche Kultur, Sprache und Tradition erhalten und verteidigen wolle. Aufgrund der christlichen Kultur fühle man sich vor allem jenen Nationen nahe, die ebenfalls vom christlichen Glauben geprägt seien. In der Tradition der Aufklärung betone man aber auch die klare Trennung zwischen Kirche und Staat und wehre sich gegen einen totalitären politischen Anspruch einer Religion. 

Hier gäbe es sicher Ansatzpunkte zu einem Diskurs mit kirchlichen Positionen. Unklar bleibt, ob die AfD für das heutige Modell einer Trennung von Kirche und Staat mit einer dennoch denkbaren Zusammenarbeit z.B. im Feld von Bildung und Caritas eintritt oder ob sie den Kirchen eher nur das Feld des „Religiösen“ zuschreiben möchte. Es stellt sich die Frage, wie eine christlich-abendländische Kultur ohne das Wirken der Kirche und ohne eine klare Rückbindung an das Evangelium und seine Verkündigung existieren oder gar verteidigt und weiter entwickelt werden kann. Es ist fragwürdig, wenn die christlich-abendländische Kultur zu einem beliebigen Popanz wird und man dies vor allem deshalb hoch hält, um „Einflüsse anderer Religionen“ abzuwehren. Was konkret für die AfD die Werte sind, die sich aus der christlichen, durch Aufklärung und Humanismus veredelten Kultur ergeben, wird nur in Ansätzen deutlich. Aus katholischer Sicht ist die christlich-abendländische Kultur keine untrennbare Wortverbindung. Als Katholiken schreiben wir das CHRISTLICH darin dick und das abendländisch nicht größer als das CHRISTLICH-orientalisch, -lateinamerikanisch, -afrikanisch der vielen anderen christlich geprägten Nationen auf der Erde, die wir doch inzwischen stark als „Eine Welt“ wahrnehmen.

Im zweiten Punkt des Manifestes beklagt Michael Frisch, dass die Kirchen die AfD dennoch scharf kritisieren und zitiert entsprechend drei evangelische und einen katholischen Kirchenführer. Auch wirft er den Kirchen vor, den Diskurs mit Vertretern der AfD zu verweigern. Die in den Kirchen angeblich weit verbreitete Haltung, die AfD in die „Nähe nationalsozialistischer Ideologie und Verbrechen“ zu rücken rügt er als „menschlich verletzend und zutiefst unchristlich“. 

Ich nehme an, dass in solchen Verletzungen auch die Schärfe mancher Reaktion aus der AfD auf kirchliche Aktionen und Stellungnahmen begründet liegt. Und mancher bürgerliche AfD-Mensch möchte wohl auch nicht den Kopf hinhalten für Entgleisungen in Reden von Parteifreunden, beispielsweise Björn Höcke, deren Inhalt und deren zugespitzte Bejubelung durch gewissen Zuhörer einem Michael Frisch wohl eher peinlich sind. Doch auch diese Zuspitzungen gehören zum Bild der AfD, nicht nur einige wohlgesetzte Worte in Parteiprogrammen. 

Dennoch meine ich, sollte die Kirche das Gespräch mit AfD – Vertretern suchen. Wobei zu wünschen wäre, dass die AfD wirklich ein Gespräch wollen würde. Ich denke, dass dieses Gespräch auch (noch) nicht auf öffentliche Podien gehört, wo es in erster Linie darauf ankommt, Stimmungen zu nutzen und zu verstärken, die man dann in Stimmen ummünzen will. Ein ernsthaftes Gespräch kann in einem ersten Schritt nur von Mensch zu Mensch geführt werden. Und es muss offen und mit wechselseitiger Geduld geführt werden. Wenn Kirchenvertreter sagen „Unser Kreuz hat keine Haken“, dann könnte man als AfD-Mann doch gelassen bleiben und sagen: „Mein Kreuz hat auch keine Haken“. Wenn man sich jedoch auf eine entsprechenden Bühne stellt und die „Leistungen der deutschen Wehrmachtssoldaten in zwei Weltkriegen“ als Teil der nationalen Identität und Subjekt des Stolzes präsentiert, muss man sich fragen lassen, was damit gemeint ist und welche Subtexte man da verbreitet. Ich persönlich hoffe auch, dass ich auf meinen Opa stolz sein kann, der bei einer furchtbaren Panzerschlacht in der heutigen Westukraine von einer Granate getötet wurde. In den beiden Ordnern mit Feldpost, die mir meine Oma hinterlassen hat, lese ich allerdings von seinen Leistungen als Soldat keinen einzigen Satz. Er durfte und wollte offenbar darüber nicht schreiben. Und so bete und hoffe ich, dass er nicht gezwungen war, sich an Verbrechen gegen Juden oder „Sowjetmenschen“ zu beteiligen.

Ich kann die Sehnsucht vieler Menschen nachvollziehen, sich mit der Vergangenheit Deutschlands zu versöhnen. Aber billig werden wir diese nicht bekommen. Weder durch Glorifizierung der Wehrmachtssoldaten noch durch deren Kriminalisierung.

Im 3. Punkt bekennt sich die AfD zur christlichen Sozialethik, zu Personalität, Subsidiarität (ein sehr katholisches Prinzip), Solidarität und Gemeinwohl. Leider widmet man diesen wichtigen Punkten nur sieben Zeilen und nutzt die abschließenden sechs Zeilen zu einem Lamento darüber, dass die Kirchen dieses Bemühen der AfD nicht wertschätzten sondern sich „an verbreiteten medialen Klischees und der Polemik politischer Mitbewerber“ orientierten. 

Punkt 4 widmet sich der schon weiter oben erwähnten „konsequenten“ Trennung von Kirche und Staat. Wie diese konkret gestaltet werden soll wird aber auch nur angedeutet, während dann die Kirchen als Unterstützer einer „zeitgeistkonformen mainstream-Politik“ dargestellt werden, gegen die die AfD die „Freiheit eines Christenmenschen“ für sich beanspruche. „Alternativlose Entscheidungen im Namen des Christentums“ gäbe es mit Ausnahme der „konsequenten Ablehnung der Abtreibung als der Tötung eines unschuldigen Menschen“ nicht. Michael Frisch sieht die Kirchen offenbar als Unterstützer einer gewissen politischen Richtung. „Eurorettung um jeden Preis, Energiewende zur Rettung des Weltklimas, Masseneinwanderung und Merkels Willkommenskultur, Multi-Kulti-Gesellschaft, Gender-Mainstreaming und links-grüne Familienpolitik“ seien keine Glaubenssätze, die nicht angezweifelt werden dürften, so der kirchenpolitische Sprecher für seine Fraktion. 

Als Katholik lässt mich das einigermaßen kopfschüttelnd zurück. Zumindest in der katholischen Kirche kann ich da keine nennenswerte Unterstützung derartiger Ziele erkennen. Ja, die Kirchen treten für Europa ein, gerade weil sie katholisch sind und über die Grenzen der Nationalstaaten hinaus betonen, dass Christen eine weltumspannende Gemeinschaft sind. Sie tun das, weil die Impulse für die Versöhnung und Einigung Europas vor allem von Christen ausgingen, man nenne nur die Namen Adenauer und Schumann oder schaue auf die Initiativen der polnischen und deutschen Bischöfe. Wir unterstützen als Kirchen die Bemühungen die Schöpfung zu retten, das christliche Menschenbild gilt uns auch für Atheisten, Buddhisten und Muslime (das ist auch Teil unserer Mission), wir gehen offen und mit einem Vorschuss an Vertrauen auf Menschen zu und sehen Gender-Mainstreaming und links-grüne Familienpolitik doch mindestens so skeptisch bis ablehnend wie MdL Michael Frisch selbst. 

Die christlichen Haltungen werden im 5. Punkt des Manifestes als „Gesinnungsethik“ gesehen und kritisiert. Anhand der Haltung von Kanzlerin Angela Merkel in der Asylkrise wird dargelegt, dass eine solche christliche Gesinnungsethik unabsehbare „politische, soziale und ökonomische“ Konsequenzen habe. Interessant ist an diesem Abschnitt, dass die AfD gegenüber dem Problem der Flüchtlingsströme durchaus zu einer Verantwortung Deutschlands zur Hilfeleistung bekennt und Alternativen wie „Unterbringung und Versorgung in den Heimatregionen“ dieser Menschen ins Gespräch bringt. Hier gäbe es sicher Ansätze, um über praktikable Lösungen zu diskutieren. 

Dass die Flüchtlingsströme und die Folgen der Globalisierung dieser Tage massive Schwierigkeiten mit sich bringen, wird von den Kirchen und vor allem auch von vielen in der Flüchtlingshilfe engagierten Christen keinesfalls geleugnet. Sie sind ja täglich mit den Schwierigkeiten konfrontiert, aber auch davon überzeugt, dass man das Problem nicht durch Sprüche und Parolen löst sondern ganz handfest, Schritt für Schritt und vermutlich unter Schmerzen und Verzicht für alle Beteiligten. Nein, das bedeutet keinesfalls, dass man einfach kapituliert und beispielsweise Fehlverhalten von Flüchtlingen als „kulturelle Eigenart“ schön redet. Der exemplarische „Gutmensch“, über den die AfD-Nahen gerne spotten, ist in der Wirklichkeit weitaus seltener vertreten, als mancher glaubt. 

Auch der 6. Punkt des Textes beschäftigt sich mit der Asyldebatte. Hier beklagt das Papier eine unzulässige Vermischung von Individual- und Sozialethik. „Es ist ein erheblicher Unterschied, ob Frau Merkel und ihre Regierung einzelne „Flüchtlinge“ in ihren eigenen Häusern beherbergen oder ob sie im Namen Deutschlands eine Einladung an alle Mühseligen und Beladenen dieser Welt aussprechen.“ 

Diese Formulierung und deren spätere Begründung läßt mich einigermaßen ratlos zurück. Auf der Pegida – Bühne bekäme der Redner sicher stürmischen Szenenapplaus. Aber genau hier scheint wieder das zwiespältige Bild auf, dass die AfD dem Beobachter bietet. Als Christen dürfen wir zu Recht von einem Politiker erwarten, dass er Entscheidungen unabhängig vom Privatleben fällt. Im konkreten Beispiel: Kein Politiker muss einen Flüchtling privat beherbergen, um seine Entscheidung zu rechtfertigen z.B. Flüchtlingen aus Syrien subsidiären Schutz zu gewähren. Keine Schulministerin sollte sich dafür rechtfertigen müssen, wenn sie aus persönlicher Überzeugung ihr Kind auf einer Waldorfschule anmeldet. Ich erwarte von ihr aber sicher zu Recht, dass sie das öffentliche Schulsystem ordentlich ausstattet und den Waldorfschulen keine zusätzlichen Privilegien verschafft. Wenn die AfD den Satz „Es ist Aufgabe der Kirchen, barmherzig zu sein und Aufgabe des Staates, gerecht zu sein.“, mit dem sie den evangelischen Theologen Richard Schröder zitiert, wirklich für wahr hält, dann verpufft die Kritik am „Gutmenschentum“ der Kirchen wirkungslos, denn damit könnte man die (unterstellte) kirchliche Position leicht begründen. 

Man kann sicher berechtigt Kritik äußern an den Positionen und Entscheidungen der Kanzlerin. Aber es erscheint mir aus christlicher Perspektive doch zweifelhaft, ihr vorzuwerfen, dass sie (und die anderen Politiker) nicht mehr verantwortlich entschieden, dass sie sich davon verabschiedet hätten „primär Politik für das eigene Volk“ zu machen und damit den Amtseid brächen, den „sie feierlich geschworen“ hätten. 

Im 7. Absatz bekennt sich die AfD zu einer Politik aus „Vernunft und Verantwortung“, was für sie eine Politik aus „dem Geist des Christentums“ darstellt. „Sie möchte dabei die Errungenschaften einer christlich geprägten Kultur bewahren, die in der Begegnung mit antiker Philosopie und Aufklärung zur Grundlage unserer Demokratie und zur Garantie von Freiheit, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit geworden ist. Sie möchte diese Kultur unseren Kindern und Enkeln weitergeben und so eine erfolgreiche Zukunft unseres Landes sichern.“ Soweit dürfe jeder Bischof, jeder Katholik und beinahe jeder Bundestagsabgeordnete das Manifest ebenfalls unterzeichen können. Die AfD verwahrt sich dann noch gegen „linke Ideologien, ungezähmten Kapitalismus und die Utopie eines multikulturellen Weltstaats“. Auch hier dürfte man schnell die meisten Katholiken und zumindest alle CDU – Abgeordneten hinter sich versammeln. Spannend wäre dann die Diskussion darüber, ob die gepriesene „Vernunft und Verantwortung“ nicht auch sehr unterschiedliche Vorschläge zur Lösung von Problemen ergeben könnten, die abgewogen, diskutiert und im demokratischen Prozess zu einer Lösung geführt werden müssten. Ich verweise hier einmal auf das Wort von Henry Louis Mencken: „Für jedes Problem gibt es eine einfache Lösung – klar, einleuchtend und falsch.“ 

Im 8. Punkt wird auf das AfD-Wahlprogramm verwiesen und auf zahlreiche Inhalte die „den Grundprinzipien der christlichen Soziallehre Rechnung tragen“ und daher für den Dialog mit den Kirchen Anknüpfungspunkte bieten. „Alle diese Punkte sind Ausdruck einer Politik aus christlichem Ethos“ heißt es abschließend. Ob diese Punkte in den nächsten Jahren zur Basis eines Gesprächs zwischen Kirchen, Christen und AfD-Politikern werden können ist sicher eine spannende Frage. Zur Zeit sind dies nach meiner Wahrnehmung aber auch nicht die Themen, mit denen die AfD Aufmerksamkeit und Wählerstimmen gewinnt. Dass die AfD die Mehrwertsteuer um sieben Prozentpunkte senken möchte und gleichzeitig die Verschuldung der öffentlichen Haushalte senken will, habe ich erst durch das Papier „Vernunft und Verantwortung“ wirklich wahrgenommen. Dass sie öffentlich für eine neue Abtreibungsgesetzgebung eintritt, die Abtreibungen weitgehend verbietet, erschließt sich mir nur durch den schäbigen Kampf linksextremer Gruppierungen gegen den „Marsch für das Leben“ oder die Initiative „Demo für alle“. Diese wüten offenbar vor allem deswegen gegen die Initiativen von Christen für das Leben, weil sie in diesen eine Art verlängerten Arm der AfD, also des politischen Gegners erkennen. Der linksextreme Furor trifft dadurch auch jene, die mit der AfD nichts an der Brause haben, sondern „nur“ ein Zeichen für das Leben setzen wollen. Ich frage auch: Gibt es eigentlich auch AfD – Plakate zu dieser Thematik? Das, was ich bisher von der AfD zu sehen bekam beschäftigt sich mit ganz anderen Themen, daher sehe ich hier auch die AfD in der Verantwortung, uns Christen ein ehrliches Gesprächsangebot zu machen. 

Mit dem in Punkt 9 geäußerten Vorwurf, dass die Kirchen es an offener Kritik an den aus christlicher Sicht fragwürdigen Positionen anderer Parteien mangeln ließen, hat die AfD nach meiner Wahrnehmung durchaus einen Punkt gemacht. Die politische Auseinandersetzung dringt kaum in die tagespolitische Debatte vor, wohingegen eine Kundgebung unter dem Motto „Unser Kreuz hat keine Haken“ maximale mediale Aufmerksamkeit erhält. Das gilt sicher auch in dem Punkt „Ehe für Alle“, wo die AfD die kirchliche Unterstützung vermisste, als sie als „einzige politisch relevante Kraft“ dagegen Einspruch erhob. Auch in der Abtreibungsfrage sieht man sich als einzige Partei, die aus christlichen (katholischen) Positionen klare politische Forderungen stelle. Die AfD rätselt betroffen, „warum das alles keine Würdigung der Kirchen erfährt, während man gleichzeitig den Mantel des Schweigens über die wenig christliche Agenda der Altparteien bei den genannten Themen hüllt...“

Vielleicht muss man abwarten, bis man selbst zu den Altparteien gehört und gestandene, bürgerliche Katholiken wie Herbert Strotebeck mit einem Bischof ins Gespräch kommen. Vielleicht muss auch die Kirche noch etwas abwarten, bis sich die Neupartei AfD das ein oder andere rassistische, populistische und krawallige Horn abgestoßen hat und in den Niederungen der Alltagspolitik wieder um praktikable Lösungen für alltägliche Probleme gerungen wird. 

Die AfD dagegen scheint nicht auf diesen Dialog – auch mit den Kirchen – zu setzten. „Vielleicht könnte eine größere Distanz der katholischen und evangelischen Kirche zum Staat dazu beitragen, ökonomische und politische Abhängigkeiten zu verringern und damit mehr Freiheit des Denkens und Handelns zu ermöglichen.“ Das korrespondiert doch sehr mit dem absurden Vorwurf, kirchliche Wohlfahrtsverbände würden durch die Flüchtlingshilfe in erster Linie Geld verdienen. 

Der abschließende 10. Punkt des Textes zur Verhältnisbestimmung zwischen Kirchen, Christentum und AfD beklagt die Verweigerung des öffentlichen Dialoges mit der Partei durch die Kirchen. Ich habe bereits weiter oben ausgeführt, warum dies nur das Ende eines Gesprächsprozesses sein kann und dass dem „interne Treffen mit einem Meinungsaustausch unter vier Augen“ vorausgehen müssten. Diese Mühen muss die AfD auf sich nehmen, wenn sie schreibt: „Wir als Alternative für Deutschland stehen jederzeit für einen solchen Dialog zur Verfügung“. Dann darf es nämlich nicht darum gehen, aus dem Gespräch mit den Kirchen politisch Kapital zu schlagen. 

Die auch in dem vorliegenden Manifest deutlich vorgetragene und übersteigerte Sicht der Kirchen als Handlanger der herrschenden Verhältnisse und der Umgang mit ihren Vertretern analog zum Umgang mit politischen Gegnern macht die Zurückhaltung kirchlicher Vertreter, angesichts des postulierten Wunsches von Seiten der AfD in ein Gespräch einzutreten und nicht weiter als Schmuddelkinder behandelt zu werden, vielleicht verständlich.

Die AfD erlebt diese Dialogverweigerung offensichtlich als Kränkung. Ein Gefühl, das ihre Vertreter möglicherweise auch mit den konservativ-traditionalistischen Katholiken verbindet, die eine ähnlich distanzierte Haltung ihrer Kirchenführer seit vielen Jahren erleiden. Ob auch das eine Motivation für die Unterstützung dieser Partei ist?

Insgesamt hätte ich mir vom kirchenpolitischen Manifest aus der Feder eines Religionslehrers (und Theologen) mehr erwartet. Fast die Hälfte des Textes arbeitet sich daran ab, dass die Kirchen und ihre Vertreter der Partei distanziert bis kritisch gegenüber stehen. Kein Wunder dass da jede Unterstützung aus dem kirchlichen Lager bejubelt wird, wie das Erscheinen eines Benediktinerbrudes auf einer Parteibühne. Der Zuspruch aus dem konservativ – christlichen Lager und die hier durchaus vorhandene Unterstützung in konservativ-christlichen Kernfragen wie Ehe, Gendertheorie, Islamkritik und Lebensschutz wird vom Autor kaum erwähnt. Die christliche Soziallehre wird zwar erwähnt, der Diskurs hierüber bleibt allerdings eher schlagwortartig. Leider ist das Papier annähernd theologiefrei, eine Verantwortung gegenüber Gott und gegenüber dem Evangelium oder eine Beziehung zu Christus wird nicht einmal am Rande erwähnt, auch nicht die Tatsache, dass es unter AfD-Politikern ja durchaus praktizierende Christen gibt. Erhofft hätte ich auch eine zumindest verhaltene Distanzierung aus christlicher Perspektive von gewissen Positionen und Personen in der AfD und ihrem Unterstützerumfeld. Oder auch zu der von AfD-Bundesvorstandsmitglied Armin Paul Hampel beim Bundesparteitag in Köln geforderten Abschaffung der Kirchensteuer und der Aufforderung zum Kirchenaustritt.

Ich würde mir eine Neuauflage des Papiers aus Sicht der Bundespartei wünschen. Eine Neuauflage, die weniger jammert, sondern offensiv und kritisch ein Angebot zum Gespräch macht und Anknüpfungspunkte für dieses Gespräch offen legt. Und dann muss man sehen, was sich bewegt. Im Raum der Kirchen und in den Fraktionszimmern und Parteiräumen der AfD.

Ein solcher Diskurs kann aber nicht unter Einschluß der populistischen Positionen und des Unterstützerumfelds aus rassistischen, rechtsradikalen und religionsfeindlichen Gruppierungen gelingen. Hier wird die AfD noch einen Läuterungsprozess durchlaufen müssen. Manche Stimme, die ihr in diesen Tagen gegeben wird, erhält sie nicht aufgrund politischer Leistungen und Postionen, sondern weil es ihr gelingt, Stimmungen und Frustrationen unter den Wählern aufzugreifen und zu verstärken. Das gibt der Partei ein schillerndes Profil aber auch viel Verantwortung. Es setzt Kräfte frei und verstärkt sie, von denen wir heute noch nicht sagen können, ob sie destruktiv oder doch konstruktiv wirksam werden. Ich hoffe, dass die Politiker in der Partei, denen die Haltung der Kirchen, die christliche Prägung unserer Gesellschaft und Kultur und die Worte Jesu, das Evangelium nicht gleichgültig sind in diesem Sinne ihre Partei prägen und voran bringen. 

Es ist abzusehen, dass die AfD auf Jahre ein Teil der politischen Landschaft Deutschlands bleiben wird. Die Kirchen werden sich auf einen Dialog mit deren Wählern und Politikern einlassen müssen. Zumal diese durchaus aus den eigenen Reihen kommen.

Der Text der Fraktion im Landtag Rheinland-Pfalz von AfD-MdL Andreas Frisch:
http://www.afd-rlp-fraktion.de/kommentare/kirchenpolitisches-manifest

P.S.: Stefan Thien hatte auf seiner facebook-Seite beklagt, dass dieses Foto nicht von den Medien verbreitet wird. Ich weiß nicht, ob er an eine Verbreitung mit diesem Begleittext gedacht hat. Sollte das Bild in diesem Kontext nicht erwünscht sein wäre ich für einen Hinweis in den Kommentaren dankbar.

Montag, 17. Juli 2017

Bericht vom letzten Weg des Kardinals durch seine Stadt

Die Nachricht vom Tode Kardinal Meisners traf mich in der vorvergangenen Woche aus heiterem Himmel. Damit hatte ich nicht gerechnet, hatte der Kardinal doch soeben noch als Unterzeichner der Dubia an den Papst und der (auch in seinem Namen) veröffentlichten Enttäuschung darüber, dass der Papst die Bitte der vier Kardinäle um eine Audienz ignoriere, kirchenpolitische Schlagzeilen gemacht.  Dies empfand ich als umso erstaunlicher, als der Alterzbischof sich im Erzbistum selbst und in der deutschen Kirche offenbar überhaupt nicht mehr öffentlich zu Wort meldete. Wobei ich zu gerne wüßte, ob Kardinal Meisner die scharfe Gangart seiner Mitstreiter wohl wirklich billigte. Mit seinem Ausscheiden aus dem Amt überließ er ganz offenbar den Raum der Öffentlichkeit seinem Nachfolger und zog sich auf das Feld der persönlichen Seelsorge zurück. Einige Anekdötchen kamen an die Öffentlichkeit, hier und da zelebrierte er ein festliches Pontifikalamt und man hörte, dass er häufig im Garten des Priesterseminars anzutreffen gewesen sei. Eine Dame aus meiner Gemeinde erzählte mir von einer Begegnung im Rahmen eines Schlesiertreffens. Man habe mit dem Kardinal normal sprechen können, als einem von uns, so menschlich!

Ich glaube, diese Mischung aus klaren, eindeutigen Überzeugungen und Positionen, Einfachheit und Menschlichkeit im Umgang und der entschiedenen Förderung mancher überraschender Projekte im und durch das Erzbistum Köln war es, die mich an ihm sehr beeindruckt hat. Er war – wenn auch nicht mein Bischof – so doch etwas wie eine Vaterfigur, an der man sich reiben und aufrichten konnte. Seine Art zu predigen habe ich sehr gemocht.

Obwohl wir uns persönlich nicht kannten und ich ihm nur kurz oder mit einem gewissen Abstand begegnen durfte, entschied ich mich bald, zu seiner Beerdigung nach Köln zu fahren. Und so machte ich mich am Samstag morgen in aller Frühe auf den Weg in die alte Bischofsstadt am Rhein, zu deren Erzbistum auch mein Heimatörtchen Voerde bis 1821 gehörte. 

Um halb acht stand ich vor dem Hauptbahnhof. Vor mir gingen ein Priester in Soutane und eine Ordensschwester. Ich schloß mich denen an, denn wohin sollte ein frommes Duo an einem solchen Tag schon in aller Frühe unterwegs sein, wenn nicht in Richtung St. Gereon. 
Schon bald sah ich die kirchlichen Fahnen vor dem erzbischöflichen Haus und dem Priesterseminar. Da ich mir vorgenommen hatte, eine kleine Fotoreportage zur Beisetzung von Kardinal Meisner zu machen, ging ich dorthin, um einige Bilder aufzunehmen. 
Ich finde, es ist nicht ganz leicht, bei einem kirchlichen Ereignis Fotos zu machen. Nicht, weil sich keine Motive böten, sondern weil viele Andächtige es störend finden, wenn fotografiert wird und man ja selbst auch andächtig und betend dabei sein will. Der Blick durch ein Objektiv verstellt ja auch immer etwas die Wahrnehmung. Aber ich habe in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen es schätzen, auf diese Weise an einer solchen Feier Anteil nehmen zu können. Und dass es manche Rückmeldung gibt, die mir zeigt, dass dies nicht nur in einer eher oberflächlichen Weise geschieht. Ich lege Wert darauf, zurückhaltend zu fotografieren und nicht durch plötzliche Ortswechsel „bessere“ Motive zu erhaschen. Für manche Teilnehmer sind Fotos auch eine willkommene Erinnerung, dafür muss ich wohl den ein oder anderen „bösen Blick“ in Kauf nehmen. Und – das habe ich auch am Samstag wieder gespürt – einen Rosenkranz kann man gut beten, auch wenn man ab und an Fotos macht. Bestimmte geistliche und Gebets-Momente sind für mich in der Kirche aber fotografisch „tabu“. 

Plötzlich bog ein schwarzes Auto mit MS-Kennzeichen in die Straße vor dem Erzbischöflichen Haus ein und daraus stieg – ausgerechnet – mein Bischof Felix – beleitet von Weihbischof Hegge – aus. Diese musste ich kurz begrüßen, bevor ich meinen Weg zur Basilika fortsetzte. An St. Gereon waren die Vorbereitungen natürlich in vollem Gange, der Leichenwagen stand bereit (eine stilisierte Domsilhouette ersetzte den Mercedesstern). „Das macht sicher der Kollege Kuckelkorn“ hatte unser örtlicher Bestatter noch am Mittwoch zu mir gesagt. Und recht behalten! Auch auf der Glasscheibe im Wagen prangte das Wahrzeichen Kölns; an der Seite zwei kleine Fähnchen mit dem kölnischen Kreuz. Bis zum Beginn der Prozession blieb noch Zeit, so dass ich mich auf den Kirchhof setzte und die Stundenbuch-App für die Laudes auf dem Handy öffnete. Natürlich waren die Texte auf den Tagesheiligen, den Hl. Kardinal Bonaventura ausgerichtet, aber sie passten wie „Faust aufs Auge“ zum heutigen Anlaß. Es ging schon mit dem Hymnus los, der mit den Worten endete: 

„Nun ist die Welt nicht mehr so leer, 
nicht mehr die Last so drückend schwer: 
Der Weg zum Vater steht uns offen.“

In der Tat, der Weg zum Vater stand dem Kardinal offen, die Last seiner Jahre drückte ihn nicht mehr. Und die Welt war ihm schon zu Lebzeiten erlöst durch Tod und Auferstehung Jesu Christi. 
Besonders ins Herz traf mich aber die Kurzlesung aus dem Hebräerbrief: 

„Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens, und ahmt ihren Glauben nach! 
Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. 
Lasst euch nicht durch mancherlei fremde Lehren irreführen!“

Hätte der Kardinal noch kein geistliches Testament geschrieben, dieses hätte eines sein können. Nachdenklich machte ich mich auf einen kleinen Spaziergang. Hinter St. Gereon liegt ein großes Verwaltungsgebäude des (ehemals) Gerling-Konzerns mit einem schönen großen Platz. Überall wurde hier renoviert, aber zwei religiöse Kunstwerke an der Fassade stachen mir ins Auge: eine Darstellung des Hl. Martin, der den Mantel teilt und auf der anderen Seite des Gebäudes ein Ritter (St. Georg?) und direkt am Eingang eine sehr schöne Darstellung des Hl. Christopherus in Bronze. 

Als ich auf den Kirchplatz zurück kam, waren schon einige Trauergäste eingetroffen, vor der Kirche standen Mitglieder des Metropolitankapitels bereit um die Gäste zu begrüßen, viele Ordensleute waren gekommen, auch Vertreter der Grabesritter, Marienritter und Malteserritter in ihren Ordenstrachten. Für mich als Münsteraner verwirrend, waren die vielen Fahnenabordungen der Karnevalsgesellschaften. Trotz Trauerflor an den Fahnen kündeten diese natürlich mehr von Fest und Feier und eher nicht von Sammlung und Trauer. Ein spannender Kontrast! Von überall her kamen nun weitere Fahnenträger, „Ritter und Damen“, Priester und Bischöfe. Gemeinsam mit den Dommessdienern erschienen weitere Bischöfe und Kardinäle, unter ihnen auch Gerhard Ludwig Kardinal Müller, Adrianus Kardinal Simonis, Alterzbischof von Utrecht, Dominik Kardinal Duka OP, Erzbischof von Prag und Primas von Tschechien sowie Peter Kardinal Erdö, Erzbischof von Esztergom-Budapest und Primas Ungarns. Fehlen durfte natürlich auch nicht Reinhard Kardinal Marx, als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz und schließlich der amtierende Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Ihnen folgten zahlreiche Bischöfe aus Deutschland und Europa, unter ihnen auch Erzbischof Georg Gänswein, Bischof Franz Peter Tebartz van Elst, Bischof Walter Mixa, die aus dem Erzbistum stammenden heutigen (Erz-)Bischöfe von Würzburg, Berlin und Hildesheim. Den Hamburger Erzbischof habe ich nicht wahrgenommen. Auch war kein Einziger der anderen Kardinäle, die die Dubia an den Papst gerichtet hatten, zur Beisetzung ihres Mitstreiters gekommen. Erfreut hat mich die Anwesenheit von Bischof Clemens Pickel, Bischof von Saratow und Vorsitzenden der russischen Bischofskonferenz. 

Interessant war, wie unterschiedlich die Bischöfe auf die Menschen auf dem Kirchhof reagierten. Einige schritten „erratisch“ durch die Gruppen der Gläubigen, andere grüßten höflich, einige gingen auch sehr herzlich und freudig auf die Menschen zu, was mir besonders bei den Kölner Weihbischöfen Schwaderlapp, Puff und Schumacher auffiel. Aber auch andere Diözesan- und Weihbischöfe waren sich für ein kleines Gespräch nicht zu schade. Auch der Kölner Generalvikar Dr. Dominik Meiering zeichnete sich durch die große Offenheit und Herzlichkeit aus, mit der er die ankommenden Gäste willkommen hieß. Hier und da entdeckte ich einige facebook – Freunde und freute mich, dass es sie auch „in echt“ gab. Kurz vor dem Auszug der Prozession eilte auch Michael Hesemann auf den Platz, warf sich in die Kleidung der Marienritter der Gottesmutter von Tschenstochau. Er war soeben erst von Fatima zurückgekehrt und direkt nach Köln geeilt.
Schon hier konnte man sich in Kondolenzlisten eintragen und bekam die Lied- und Gebetshefte für den Tag. Etwa um zehn n. ach neun wurden die mobilen Lautsprecher eingeschaltet und die Übertragung des Domradios erklang auf dem Platz an der Kirche. 

In das Lied „Wir sind getauft auf Christi Tod...“ stimmte die Gemeinde unmittelbar ein und eine murmelnde Schar verwandelte sich in eine betende Menge. Etwas leise war zunächst die Übertragung aus der Kirche, aber mit dem Liederheft konnte man gut mitbeten. Auf dem ersten Blatt schaute der verstorbene Alterzbischof die Beter freundlich an, ein Bild, mitten aus dem Leben. 

In der Basilika hielt man sich treu ans Begräbnis – Rituale in der „alten“ und gültigen Fassung. Vertraute Gebete, die ich am Mittwoch ganz ähnlich auch für einen verstorbenen älteren Herrn gesprochen hatte. Das Abschlußgebet sprach sehr an: „Du hast deinen Diener Joachim zum bischöflichen Dienst berufen. … Du weißt, wie er für dich und die Menschen gewirkt hat; du kennst seinen Einsatz und die Frucht seines Mühens, du kennst auch sein Versagen.“ … Im Tod ist dieser große Mann schlicht der „Diener Joachim“. 


Unter den Gesängen der Litanei: „Maria, wir rufen zu dir!“ und „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Segen, im Kreuz ist Hoffnung...“ formierte sich die Prozession. Dem Vortragekreuz und den Dommessdienern mit drei beeindruckenden Fahnen, die von Sternen gekrönt sind, folgten die Fahnenabordungen, erst die Karnevalsgesellschaften, dann Studentenverbindungen, Schützen, weitere katholische Verbände, Ordensangehörige, Geistliche und Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle. 

Unter den Trauernden waren auch ökumenische Gäste, wie der Präses der ev. Kirche im Rheinland, der Vorsitzende der orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland und griechisch-orthodoxe Metropolit Erzbischof Augoustinos Lambardakis und der syrisch-orthodoxe Erzbischof Mor Philoxenus Mattias Nayis, die Erzpriester Constantin Miron und Dmitrij Sobolevskij u.a..

Mit Kardinal Meisner, Kardinal Woelki, Kardinal Müller, Erzbischof Lambardakis, Erzbischof Thissen und Bischof Genn waren immerhin sechs von 10 Bischöfen anwesend, die uns bereits ein geistliches Wort für die Nikolausaktion geschrieben hatten. 

Direkt vor dem Wagen mit dem verstorbenen Kardinal gingen sein ehemaliger Geheimsekretär Oliver Boss, er trug Meisners Bischofsstab und sein langjähriger Fahrer Roman Dolecki, er trug eine goldbestickte Mitra. Diese stand später mit seinem Alltagsmesskelch und der Stola auf dem Sarg. Früher trugen die Bischöfe in ihrem eigenen Bistum den Stab mit der Krümme nach vorn, waren sie in einem anderen Bistum zu Gast drehten sie diese zu sich hin. Auch Weihbischöfe trugen den Stab in der Liturgie so. Mancherorts hat sich dieser Brauch noch erhalten. Nur der Bischof als Hauptzelebrant (in diesem Fall Kardinal Woelki) führt den eigenen Stab. Als Zeichen der Trauer wird der Bischofsstab beim Begräbnis umgekehrt getragen, mit der Krümme nach unten. 

In festlicher Prozession ging es nun auf den Dom zu. Währenddessen beteten alle andächtig den Rosenkranz, der von einer professionellen Sprecherin gekonnt vorgebetet wurde. Genau so übertrug das offenbar auch das Domradio für die Zuhörer im Radio und die Zuschauer an den Computer- und Fernsehbildschirmen. Auch in der Prozession war die Tonqualität exzellent. Super! Die Nebenstraßen waren allesamt gesperrt. Am Straßenrand blieben die Menschen stehen, manche waren auch gekommen, um dem Bischof die letzte Ehre zu geben. Übervoll waren die Straßen allerdings nicht. Beeindruckend war der Zug der Priester und Diakone, die sich – vom Priesterseminar kommend – in die Prozession einreihten. Am Ende war diese fast einen km lang. Als die Kreuzträger am Dom ankamen, waren die letzen Prozessionsteilnehmer gerade mal hundert Meter von St. Gereon entfernt. 

Auf der Domplatte hatten sich die Fahnenabordungen rechts und links vom Haupteingang in zwei oder hintereinander aufgestellt. Ein prächtiges Bild! Zwischen diesen konnte ich bis fast zum Haupteingang gelangen und mit den Prozessionsteilnehmern zogen wir hinter dem Sarg in den Dom ein. Ich war glücklich und hatte nicht erwartet, im Dom noch Platz zu finden. Aber hier finden ca. 4.000 Menschen Platz. Der Münsteraner Dom wäre vermutlich schon mit den geladenen Gästen überfüllt gewesen. So fand ich einen recht guten Platz im rechten Seitenschiff unter dem Richter – Fenster mit unverstellten Blick auf den Altar und konnte der Liturgie sehr gut folgen. 

Die zelebrierenden Kardinäle und Bischöfe trugen eine bunte Mischung von Messgewändern, „Bassgeigen (wohl nicht unbedingt aus der Barockzeit)“ und „gotischen“ Caseln. Wobei „bunt“ jetzt das falsche Wort ist, war die vorherrschende liturgische Farbe doch schwarz. Bischof Milan Šašik CM von der ruthenischen griechisch-katholischen Kirche und Uschorod in der Ukraine stach in seiner byzantinischen Bischofskleidung heraus.

Zu Beginn trug der päpstliche Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic noch einmal das schon bekannte Beileidstelegramm von Papst Franziskus vor, das schon unmittelbar nach der Todesnachricht eingegangen war. 

Musikalisch war der Gottesdienst natürlich – wie immer im Kölner Dom – grandios. Besonders beeindruckte der großartige Psalmenvortrag nach der Lesung mit dem Antwortgesang „Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen.“ Aus der Predigt von Kardinal Erdö sind mir einige Gedanken in Erinnerung geblieben. Der Beitrag des Kardinals zur Einigung von Ost und West und der Versöhnung der Völker Europas sei kaum zu unterschätzen. Kardinal Erdö berichtete, dass die ungarischen Priester in der DDR Urlaub machen durften und dort westliche Theologie kennenlernten und dort auch eine Kirche, die viele Möglichkeiten hatte, welche in Ungarn fehlten. Auch gab es dort Ordensgemeinschaften, die in Ungarn verboten waren. In einem solchen Kloster habe er erstmals von Meisner gehört. Als Erzbischof von Berlin sei der ein großer Diplomat gewesen. Ihn zeichnete Offenheit und Unmittelbarkeit für Kinder, Jugendliche, Arme und Fremde aus. Er war, so Erdö, ein dynamischer, offener Pastor mit viel praktischem Sinn. Er habe viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. Meisner sei mit Papst Franziskus „kongenial“ gewesen, er begründete dies mit einem Zitat aus dessen Enzyklika Evangelii gaudium. 

Offenbar war es Kardinal Erdö ein Anliegen, seinen Freund Kardinal Meisner nicht als Widerpart von Papst Franziskus erscheinen zu lassen. Daher zitiert er dessen Beileidstelegramm. Während der Liturgie habe ich den Abschluß seiner Predigt auch als Papstwort verstanden, aber offenbar stimmt das nicht. Erdö fuhr fort, nun die Trauergemeinde mit einbeziehend: „Wir haben mit tiefer Berührung erfahren, dass Kardinal Meisner während seines Stundengebetes von Gott heimgerufen wurde. In seiner Person hat uns einer der der großen Apostelnachfolger unserer Zeit verlassen.“ Bischof Genn sagte dazu: „Der Tod von Kardinal Joachim Meisner markiert das Ende einer kirchengeschichtlichen Ära, die er ganz wesentlich mitgestaltet und geprägt hat.“ Kardinal Meisner war, so Erdö, ein großer Marienverehrer. "Aus seiner marianischen Frömmigkeit bewahren wir das Vertrauen zur göttlichen Vorsehung und auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, die trotz Schwierigkeiten und Sünden den Weg der Menschheit begleitet. Bitten wir den allmächtigen und barmherzigen Gott: Schenke unserem verstorbenen Mitbruder Anteil an der Gemeinschaft der Jungfrau Maria und aller Heiligen."

Die Eucharistiefeier selbst wurde von Kardinal Woelki in sehr würdiger Weise zelebriert, zahlreiche Kardinäle und Bischöfe konzelebrierten. Unter den vielen Ordensleuten konnte man natürlich im Gottesdienst gut mitfeiern, ganz in der Nähe waren auch die Brüder und Schwestern der Gemeinschaften von Jerusalem zu sehen, die der verstorbene Kardinal nach Köln „gelockt“ hatte. Einige Meter entfernt stand ein offenbar schwules Paar, das dem Kardinal Lebewohl sagen wollte. Musikalisch rührte der vertonte Wahlspruch Meisners „Spes nostra firma“ und das vom Chor vorgetragene Weihnachtslied „Adeste fidelis“ die Herzen im Dom an. 

Nach der Austeilung der Hl. Kommunion folgte ein in konservativen Kreisen viel diskutierter Moment. Auf Wunsch von Kardinal Woelki hatte Benedikt XVI. ein Wort des Gedenkens formuliert, das Erzbischof Georg Gänswein vortrug. Dieser erwähnte die Liebe zur Kirche in den Nachbarländern im Osten und den letzten Besuch Meisners bei der Seligsprechung Bischof Teofilius Matulionis in Vilnius. Er betonte die gelöste Heiterkeit, die innere Freude und die Zuversicht, zu der dieser inzwischen gefunden habe. Obwohl es dem leidenschaftlichen Hirten zuvor schwer gefallen sei, sein Amt zu lassen. Und dann fiel in diesem Text der Begriff einer „Diktatur des Zeitgeistes“, der zu widerstehen sei. Eine Bemerkung, an deren Exegese sich aktuell viele versuchen. Es habe ihn bewegt, so Benedikt, dass Kardinal Meisner loszulassen gelernt habe und die Gewissheit gewonnen habe, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn es scheine, dass das Boot schon fast bis zum Kentern angefüllt sei. Der emeritierte Papst betonte Meisners Einsatz für die eucharistische Anbetung, gegen Widerstände (mancher Experten der Liturgie und der Pastoral). Kern der Anbetung sei „eine Stille, in der nur der Herr zu den Menschen und zu den Herzen spricht.“

Insgesamt war das ein sehr persönliches Wort des emeritierten Hl. Vaters. Selbst Erzbischof Gänswein konnte bei dem Satz „er war betend gestorben“ vor Rührung nicht weiter sprechen. „Im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm“ habe Kardinal Meisner gelebt. Natürlich gab es anschließend den (fast) einzigen Applaus in dieser Feier (zuvor hatten einige Fans des Erzbischofs schon bei der Nennung seines Namens begeistert applaudiert, aber Kardinal Meisner hatte seine Gemeinde in 25 Jahren zu gut trainiert, so dass sich niemand anstecken ließ.) Es hat auch mich sehr angesprochen und war eine angemessene Würdigung durch einen persönlichen Freund. 

Ich weiß nicht, wie ich interpretieren soll, dass dieser selbst möglicherweise noch nicht zu der (von ihm selbst ja so lebendig beschriebenen) gelösten Heiterkeit, inneren Freude und Zuversicht gefunden hat, mit der Kardinal Meisner sich in die Hand Gottes gegeben hatte. Warum er, dessen Wortmächtigkeit, Poesie und Differenzierungsvermögen ich nach wie vor überaus schätze, einen so diffusen Begriff wie der einer „Diktatur des Zeitgeistes“ verwendet, vermag ich nicht zu begreifen. Was soll dieser Zeitgeist sein? Muss die Kirche wirklich widerständig zu jeder „modernen“ Entwicklung sein oder kann sie nicht auch großherzig würdigen, was in diesem Geist der Zeit dem Evangelium entspricht? Mit Christus hat Kardinal Meisner offenbar loslassen können, in der Gewißheit, dass der Herr das Boot lenkt, auch wenn wir Jünger angstvoll auf das Wasser starren, das hinein geschwappt ist; er hat loslassen können, in der Gewißheit, dass der Herr sein Wort reichlich und freudig aussät in der Hoffnung, dass es auch auf fruchtbaren Boden fällt und 100fach, 60fach und 30fach Frucht trägt. So stimmt mich dieser päpstliche Gruß ebenso froh wie traurig. Umso mehr, als seine persönlichen Worte nun von einigen Leuten genutzt werden, ihn und seinen Nachfolger gegeneinander zu würdigen. Vielleicht wäre es angemessener, in dem Text wirklich nur das zu sehen, was er eigentlich sein sollte, eine Würdigung eines großen Hirten der Kirche, ein Blick auf das Ende seines Dienstes, den dieser ja tatsächlich weit über die Grenze von 75 Jahren hinaus ausgefüllt hatte. Und wer will ernstlich bestreiten, dass in dieser Perspektive, angesichts der schrumpfenden Bedeutung des Christentums, Hirten gebraucht werden, die im Heute, die in dieser Zeit das Wort Gottes aussäen und Menschen für Christus begeistern. 

„Laß Deinen Diener in Frieden ruhen“ - so heißt es in der Liturgie der Verabschiedung weiter. Man möchte es auch manchen Kommentatoren ins Stammbuch oder Facebuch schreiben! „Nimm unseren Bruder Joachim auf und gib ihm Wohnung und Heimat bei dir. Uns aber, die zurückbleiben, stärke im Glauben, damit wir einander aufrichten und trösten. … Wir haben hier keine bleibende Stätte, unsere Heimat ist im Himmel.“

Abschließend hielt Erzbischof Kardinal Woelki noch eine abschließende Rede, in der er Vielen dankte und unter anderem formulierte, dass der zehntägige Abschied von Kardinal Meisner noch einmal wie Exerzitien gewesen wäre, die der Verstorbene dem Bistum gehalten habe. Er sei noch einmal zum Zeugen dafür geworden, dass der Tod nicht das Ende sei, sondern die Auferstehung auf uns warte. Er habe die Menschen um sich gesammelt. Es sei in dieser Zeit viel mehr als im normalen Alltag gebetet worden. Der Tag der Beisetzung habe gezeigt, wie sehr Kardinal Meisner (allen Unkenrufen zum Trotz) in Köln angekommen sei. Auch das waren sehr herzliche und persönliche Worte. 
Abschließend verwies er auf den Schrein der Hl. Drei Könige und erinnerte an das Wort des „Wir wollen hier in Köln keinem anderen Stern folgen als dem von Bethlehem. Warum? Weil der kein Irrlicht ist. Weil der uns hinführt zu Christus, dem Herrn der Geschichte, dem Herrn unseres Lebens. Weil er uns feit vor allen Irrlichtern und Irrwegen. Wir wollen IHM allein folgen, Christus dem Herrn seiner Kirche, durch die Zeit, mit unserem verstorbenen Erzbischof, Gott entgegen. Das ist das Ziel unseres Lebens für das wir geschaffen sind und zu dem hin wir unterwegs sind.“
Erzbischofs von 1987 beim Katholikentreffen in der DDR:

Beeindruckt habe ich nach der Feier den Dom verlassen und mich auf der Domplatte umgesehen. Eine wirklich grandiose Verabschiedung, die ich nie vergessen werde. Die Mengen der Touristen mischten sich Frommen, mit Priestern, Bischöfen und Kardinälen. Gemeinsam mit Bischof Genn, Weihbischof Hegge und Generalvikar Meiering kam Bischof Tebartz van Elst mir entgegen und plötzlich stand ich vor Erzbischof em. Thissen. Der meinte, ich habe mich in den 15 Jahren seit wir uns nicht mehr gesehen hätten kaum verändert und überraschte mich mit der Frage nach meinem Gesundheitszustand. „Ich habe für Sie gebetet“ sagte er und verabschiedete sich nachdem er sich ausführlich nach Voerde, Pfarrer Möller und meiner Familie erkundigt hatte mit einer freundlichen Geste. 

Nun wurde es Zeit, für die allzu menschlichen Bedürfnisse, aber der Weg führte mich auch noch in meine Kölner Lieblingskirchen Groß St. Martin (wo die Schwestern und Brüder gerade ihr Mittagsgebet nachholten) und St. Andreas mit den Fenstern von Markus Lüpertz und dem Grab des Hl. Albert. 

Der Gang durch die Stadt mit ihrem quirligen Leben war dann noch einmal eine bemerkenswerte Kontrasterfahrung. Von dem kirchlichen Großereignis der Beisetzung des Kardinals hatten die Menschen in der Einkaufszone wohl nur am Rande oder gar nicht mitbekommen. Manche Gesichter oder manche arglose Kinderfrage ließ mich schmunzeln. Just die Zeugen Jehovas hatten ihrem Infostand die Überschrift Tod und Auferstehung gegeben. Und als der Dom um 14.00 Uhr wieder öffnete, war er wieder fest in der Hand der Touristen. Und die strömten in ununterbrochenem Strom auch durch die Bischofsgruft, die Deppenzepter mit ihren Handys in der Hand, stundenlang filmend. Allerdings wohl hauptsächlich deshalb, weil sich dort eine Schlange gebildet hatte. Sehenswertes gab es in der Krypta ja kaum. In der Mitte des Touristen-/Pilgerstroms war viel Platz für die wenigen Beter, umgeben von gemurmelten Fragen, warum man eigentlich hier unten hingeraten sei und für wen die schönen Kränze vorn bestimmt seien. In diesem Sinne hatte in Dom, Hoher Straße und Domplatte dann doch der Zeitgeist wieder übernommen. 

„Ferment der Versöhnung“ hatte Freré Roger das Wirken der Christen in der Welt einmal genannt. Ferment, das ist klein und unscheinbar – aber mit großer Wirkung. Es verwandelt die Welt von innen heraus.  Ab 14 Uhr konnte man in Köln wieder ahnen, was er damit meinte und wie groß unsere Aufgabe als Christen bleibt, durch alle Jahrhunderte hindurch. Und doch, inmitten aller Geschäftigkeit sind auch heute wieder viele Samenkörner des Wortes ausgesät worden. Ich bin sicher, das ein oder andere bringt Frucht, teils 100fach, teils 60fach, teils 30fach. 

Herr, gib Joachim Kardinal Meisner und allen Verstorbenen die ewige Ruhe. 
Und das ewige Licht leuchte ihnen. 
Lass sie ruhen in Frieden.
Amen.





Alles Wichtige zum Tode von Joachim Kardinal Meisner findet sich in dieser schönen Sammlung von Christoph Smarzoch: http://smarzoch.de/index.php?page=kardinal-meisner